Jan Josef Liefers – Radio Doria am 1.12.2014 im Jovel

Nach über 200 Konzerten mit dem „Soundtrack meiner Kindheit“ und mehreren gemeinsamen Wochen des Songschreibens auf diversen, entlegenen Planeten
unseres Sonnensystems melden sich Jan Josef Liefers und Oblivion 2014 zurück mit einem neuen Album und einer neuen Show:
RADIO DORIA – Die freie Stimme der Schlaflosigkeit

Die neuen Songs, komponiert und getextet von Jan Josef Liefers und Oblivion, handeln von Beobachtungen aus unserem Alltag und den Beziehungen zwischen
Menschen, reflektieren diese jedoch aus dem Blickwinkel der Nacht. Das Gegenstück zu Alltag müsste eigentlich „Allnacht“ heißen, aber leider gibt es dieses Wort noch nicht. Gemeint ist jene Zeit, in der die Sonne bestenfalls den Mond erhellt und wir am wenigstens Ablenkung von uns selbst finden.

Dann entstehen die Momente zwischen Schlafen und Wachen, in denen unsere Empfindungen und Phantasien sich selbständig machen und kaum kontrollierbar in alle Richtungen fliegen.

Musikalisch lässt die Band ihrer Kreativität freien Lauf. Seit mehr als 10 Jahren spielen Jan Josef Liefers, Johann Weiß, Christian Adameit, Timon Fenner, Jens
Nickel und Gunter Papperitz zusammen und haben hunderte Stunden gemeinsam auf der Bühne gestanden. Mit RADIO DORIA haben sie erstmalig ein Programm von Anfang bis Ende gemeinsam komponiert und einen individuellen Sound gefunden, wie ihn nur eine lange aufeinander eingespielte Band haben kann.

Mit unbändiger Kraft, viel Gefühl, der Liebe für Details und vor allem mit präziser Dynamik ist eine sehr persönliche und emotional aufgeladene Musik entstanden.

Musik, die atmet. Die Zeit hat, sich in menschlicher Geschwindigkeit zu entwickeln – 100 % handgemacht und gut durchblutet.

Interview mit Jan Josef Liefers sowie den Gitarristen der Band Johann Weiß und Jens Nickel, dem Keyboarder Gunter Papperitz, dem Bassisten Christian Adameit und dem Schlagzeuger Timon Fenner über das neue Album und die neue Bühnenshow

Frage: Neue Songs, neue Geschichten, ein neues Programm. RADIO DORIA – Die freie Stimme der Schlaflosigkeit. Warum der etwas umständliche Titel?

Jan: Der Name ist Programm. Nachts wachliegen ist ein Zustand, mit dem ich mich auskenne. Ich hab nächtelang an einem alten Radioapparat gedreht und die
ganze Welt kam zu mir und bevölkerte meine Phantasien. Ich konnte überall sein, tausende Kilometer entfernt, ohne mich einen Zentimeter zu bewegen.

Frage: Das kann man aber auch bei Tag erleben!

Jan: Die Nacht vergrößert alles wie eine gigantische Lupe. Wenn wir einsam sind, fühlen wir uns am einsamsten bei Nacht. Die Nacht ist irrational. Und die Nacht hütet ihre Geheimnisse! Wir verändern uns und unsere Wahrnehmung, wenn es dunkel wird. Manches verdichtet sich zu seinem undurchdringlichen Gestrüpp aus Wut und Angst, anderes erscheint urplötzlich glasklar und ganz leicht. Die einen können davon nicht genug kriegen, den anderen macht es Angst.

Frage: Ist das Radio nicht eine aussterbende Art?

Jan: Radios werden erst aussterben, wenn es niemanden mehr gibt, der etwas sendet. Aber Radiosender werden sich bald neu erfinden müssen. Wie übrigens das Fernsehen auch.

Frage: Die meisten kennen dich als Schauspieler, wäre da nicht ein Programm mit Bezug zum Fernsehen naheliegender? Das könnte ja dann TV-DORIA heißen?

Jan: Musik richtet sich erstmal ausschließlich an die Ohren, aber sie lässt Bilder entstehen, und zwar in unseren Köpfen. Radio funktioniert genauso. Das Fernsehen lässt keine Bilder entstehen, sondern es liefert sie. Und zwar direkt an unsere Netzhaut. Frei Auge sozusagen. Das wäre ein anderes Thema.

Johann: Dabei gibt es bei uns auch eine Menge fürs Auge. Zu einigen Songs laufen selbstgemachte Videos und es gibt sogar eine leibhaftige Traumtänzerin.

Jan: Und ein Röhrenradio steht auf der Bühne! Schon als Kind hat mich der Gedanke fasziniert, dass selbst in der entlegensten, stillsten Ecke des Planeten eigentlich ein irrer Lärm herrscht. Nur hören wir ihn nicht ohne Hilfsmittel. Du stehst auf einem hohen Berg, kein Wind weht, nicht das leiseste Geräusch ist zu hören. Idylle! Aber sobald du einen Metallstab mit einem kleinen Kasten unten dran in diese Stille hältst, springt dir die ganze, laute Welt mitten ins Gesicht.

Frage: Wenn Jan von seinem Röhrenradio erzählt, klingt das recht nostalgisch.

Christian: Weder die Band, noch unser Album, noch unsere Musik sind nostalgisch. Aber eins sind wir hundertprozentig: analog!

Timon: Analog ist uns wichtig. So haben wir unser neues Album aufgenommen, so machen wir Musik.

Gunter: Menschen sind analog! Würden Roboter und Replikanten unsere Konzerte besuchen, hätten wir keine Chance. Aber Menschen zu begeistern, das
trauen wir uns zu.

Frage: Was erwartet denn nun den analogen Konzertbesucher, der eine Karte für eure Show kauft?

Jan: Vor allem wird es richtig gute Musik geben, eine bestens aufgelegte Band, dazu ein paar Nachrichten sowie die Verkehrsmeldungen. Und unsere Traumtänzerin.

Jens: Auf die Pegelstände und Tauchtiefen werden wir aber verzichten.

Timon: Und Fußballergebnisse werden auch keine verraten!

Frage: Wie würdet ihr eure Musik beschreiben?

Johann: Neulich kam einer von der Plattenfirma in den Probenraum und meinte, was wir da machen sei Progressive Rock und manchmal sogar psychedelisch…

Jan: Wir haben ihm sofort ein Bier ausgegeben!

Gunter: Der Abend hat ein Konzept und folgt einem roten Faden, aber am Ende ist das wichtigste, dass es Spaß macht!

Timon: Ich will nicht zuviel verraten, aber wir werden uns mit unserem Publikum einen richtig schönen Abend machen!


Mo, 01.12.14, 20:00 UhrJovel Music Hall – Albersloher Weg 54, 48155 MÜNSTER
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Radio Doria – Die freie Stimme der Schlaflosigkeit

Es ist spät. Die Nacht ist längst hereingebrochen. Alles schläft. Nur einer sucht heimlich unter
seiner Bettdecke mit dem Weltempfänger nach Signalen aus fernen Welten… Radio Doria weht
mit jedem Millimeter Sendersuche etwas Neues in den Schwebezustand zwischen Traum und
Realität – mit der freien Stimme der Schlaflosigkeit.
Der Schauspieler und Sänger Jan Josef Liefers erzählt auf seinem neuen Album „Radio Doria –
Die freie Stimme der Schlaflosigkeit“ Geschichten aus der Nacht, dieser intensiven,
geheimnisvollen Zeit, in der sich eine unglaubliche Kraft hochschaukelt, wo jeder Gedanke, jedes
Gefühl groß wird.
Gemeinsam mit seiner Band „Oblivion“, die jetzt „Radio Doria“ heißt und seit mittlerweile 12
Jahren zusammen spielt, hat er Musik komponiert und Texte geschrieben. Zusammen mit dem
Produzenten Alexander Freund wurde für dieses Album ein originärer und eigener Sound
entwickelt. Was Liefers mit Johann Weiß und Jens Nickel an den Gitarren, Gunter Papperitz an
den Keyboards, Christian Adameit und Timon Fenner an Bass und Drums dabei verbindet ist
etwas völlig anderes als die üblichen Zusammenarbeiten von prominenten Stars mit
Studiomusikern. Hier hat sich ein Kollektiv gebildet, eine echte Band ist geboren, die ihre freie
Stimme erhebt.
In vielen Stunden gemeinsamer, kreativer Arbeit ist dabei eine große Bandbreite entstanden. Man
pendelt zwischen psychedelischen, traumwandlerischen Songs wie dem „Mondlied“ und
handfesten, eindringlichen Liebesliedern wie „Liebe ist nicht wie Du“ oder „Helden“. Es ist ein
Album voller Poesie und Vieldeutigkeit. Nach dem großen Erfolg der Show „Soundtrack meiner
Kindheit“ in den vergangenen Jahren, die sich um die Musik seiner Jugend und Kindheit in der
DDR drehte, sollte es „keine weitergehende Nabelschau mehr in den Texten geben“, so Liefers
zur Grundidee. Es geht ihm um Universalität, um Originalität.
Der Schauspieler hat sich in den letzten 15 Jahren auch eine Karriere als Musiker aufgebaut. In
dieser Zeit ist die künstlerische Kraft gereift, eine eigene musikalische Ästhetik zu suchen, die
zusammen mit der persönlichen Weiterentwicklung eine im deutschen Pop ungewöhnliche
Tiefgründigkeit beweist. „Man wird milder“, sagt Jan Josef Liefers und lacht. „Man merkt, dass
man anders ist, als man dachte“, so beschreibt er seine Sicht auf die Veränderung zwischen
gestern und heute. Das findet sich im Song „Halleluja“ wieder. „Es kommt der Tag, an dem sich
dein Herzschlag verschiebt“, heißt es da. Was das mit einem macht, stellt die Band musikalisch
dar. Da stolpert man schon mal über die eigenen Gedanken.
Nicht nur in diesem Moment wird die Musik instrumentalisiert, um das persönliche Empfinden
mit den Botschaften der Songs zu verbinden. „Bitte füllen Sie hier Ihr eigenes Bild ein“ könnte da
stehen. Diese Einstellung zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Album von „Radio
Doria“. Der Gitarrist Johann Weiß spricht von einer „emotionalen Achterbahnfahrt“, Liefers
beschreibt diesen Effekt wie „ein Bonbon von früher, mit Brause drinnen. Man denkt, das war’s
schon, und dann macht es zum Schluss noch mal ‚Bang!’“
Um so weit zu kommen, brauchte es nicht nur die gemeinsamen Live-Erfahrungen von
hunderten Konzerten mit dem „Soundtrack meiner Kindheit“. Die Musiker verbrachten sehr viel
Zeit zusammen an abgeschiedenen Orten wie dem Haus in Halberstadt, das ein befreundeter
Musikliebhaber zur Verfügung gestellt hatte. Das Haus steht in unmittelbarer Nähe zur
Burchardi-Kirche, in der seit 2001 die Aufführung eines Werkes von John Cage stattfindet, das
mit der Tempovorschrift „As SLow aS Possible“ versehen wurde. Bei dieser Performance aus der
Avantgarde kommt es oft erst nach mehreren Jahren zu einem Klangwechsel. Zu der Zeit, als
„Radio Doria“ in Halberstadt komponierte, gab es eine permanente Dissonanz zu hören. „Die
Töne des Klangs von dem John-Cage-Orgelprojekt haben sicherlich etwas zu den Stimmungen in
einigen Kompositionen beigetragen. Das ist schon ein besonderer Ort“, erinnert sich der
Keyboarder Gunter Papperitz. Songs wie „Pralles Leben“ oder „Gute Nachrichten“ sind dort
entstanden.
Kraftvolle Stücke sind das, alle beide. Am Anfang von „Pralles Leben“ lässt sich die Dominanz
des stehenden Klangs erahnen. Dann aber muss er sich der geballten Lebenskraft der
druckvollen Band geschlagen geben. In „Gute Nachrichten“ bricht sich eine ebenso positive
Energie Bahn – in der Aufforderung zu mehr persönlichem Austausch. Man könnte das als eine
Besinnung auf unsere gemeinsamen „Human Resources“ verstehen, darauf, sich nicht von der
schnellen Welt und ihren scheinbaren Anforderungen die Freunde nehmen zu lassen. Jan Josef
Liefers spricht davon, wie überinformiert wir heute sind. „Die guten Nachrichten verpasst man
eigentlich“ Durch die ständige Informationsflut würde man das Wesentliche oft nicht
mitbekommen. „Die Illusion von Freiheit geht verloren“, so der Sänger weiter, „wenn Menschen
nach Algorithmen ausgerechnet werden.“ Auf der Internetkonferenz Republica hat er zuletzt an
einem Hoax, einem Medienhack kritischer Aktionskünstler mitgearbeitet, um auf die Untätigkeit
der Regierungen z.B. beim Datenschutz aufmerksam zu machen.
Als er in Berlin einem Kriegsreporter begegnet, der ihm von Syrien erzählt, zögert er nicht lange
und reist mit ihm bis nach Aleppo. Die Eindrücke bewegen ihn noch heute, wie einige Textzeilen
aus der „freien Stimme der Schlaflosigkeit“ zeigen. In „Unbeschreiblich“ heißt es: „Ich habe den
Krieg gesehen, der war nicht weit. Er wartet mit Geduld auf seine Zeit. Wenn einer käme ihn zum
Guten zu verklären, will ich nichts wissen, will nichts hören.“ Zu beschreiben sei die Erfahrung
dieser Reise auch nicht gewesen. Deswegen seien die Arbeiten an diesem Song wie im
Handumdrehen gegangen. „Unbeschreiblich“ sind zu viele Stationen des Lebens für ihn,
deswegen ging es darum, Gefühle zuzulassen, anstatt sich hinter der Abstraktion von
Beschreibungen zurückzuziehen.
So wie im Titel „Diebesgut“, der von der Generation des geburtenstärksten Jahrgangs in
Deutschland erzählt, zu dem auch Jan Josef Liefers gehört. Ein durch und durch emotionaler,
ernsthafter Song, dessen Stärke in seinen Metaphern liegt. „Es heißt die Welt ist teuer, doch wir
klauen den besten Ort.“ Bei so vielen Gleichaltrigen, die durch die Welt laufen, dass man immer
wieder einem begegnet, ändert sich das Erleben von Individualität einer ganzen Generation. Für
die es darauf ankommt, die verlorene Kindheit zurück zu erobern: „Wir können uns verändern,
doch bleiben wer wir sind. Wir können uns verwandeln, doch sind im Herzen Kind.“ Eine Hymne
für eine Generation.
Mit dem Singer-Songwriter Gisbert zu Knyphausen sollte es ein weiteres gemeinsames Erlebnis
aus der Kategorie „Unbeschreiblich“ geben: ein „Blutmond“, ein seltenes Naturschauspiel. Fast
genau so selten ist die Zeitform, in der weite Teile des gleichnamigen Songtextes verfasst sind,
wenn es heißt: „Alles was geht und alles was bleibt werden wir in uns getragen haben.“ Ein Titel
voll Entschlossenheit und Überzeugung: „Wir werden uns wiedersehen, und dann…!“
Mit „Rückenwind“ geht es für „Radio Doria – Die freie Stimme der Schlaflosigkeit“ in die Zukunft.
In diesem optimistischen Stück zeigt die Band ihre ganze Klasse – das neue Album wurde
größtenteils live eingespielt, ohne Overdubs, ohne Netz und doppelten Boden. Ein seltener Fall
von echter, handgemachter Musik aus den Zutaten Leidenschaft und Hingabe, technische
Finesse und Erfahrung. Ein Song für Gänsehaut pur. „Wünsche können viel, sie können die
Richtung drehen, sodass wir mit Rückenwind gehen.“ „Das ist wie beim Segeln“, erklärt Jan
Josef Liefers „man muss nicht mit dem Kopf durch die Wand. Gegen den Wind lässt sich auch
gut kreuzen.“
Der Sänger und seine Band haben eine lange Geschichte hinter sich und jetzt ein großes Werk
vollendet. Der Rückenwind wird sie schon bald in andere entfernte Grenzgebiete getragen haben
– zwischen Traum und Zeit, Trance und Wirklichkeit.

Lorenz Hargassner