Zoff- Und was dann Greven?

Die Innenstadt von Greven könnte deutlich mehr Kunden vertragen, auch wenn die gefühlte Frequenz in Greven zugenommen hat, fehlt es nach Aussage einiger Geschäftsbetreiber an zahlungskräftigen Kunden, die bleiben aber offensichtlich immer mehr aus. Doch wenn der Kunde nicht kommt, dann braucht es Gewalt. Und so werden den Supermärkten, Discountern22. Februar 2016_Hagebau_Greven_1544 und dem einzigen Baumarkt in Greven die steinzeitlich wirkenden Daumenschrauben angelegt. Es ist die Art der Daumenschrauben, mit denen die Händlersortimente beschränkt werden. Mittlerweile ist aus diesem über fast zwanzig Jahre geduldeten und gewachsenen Sortiment beim Baumarkt, ein handfester Streit entbrannt. Zuletzt sogar mit einer Ordnungsverfügung.

Ein Großteil der Bevölkerung empfindet diese Beschränkungen oftmals als behindernd, auch wenn sie nach der Satzung der Stadt Greven als „Zentralrelevant“ eingestuft werden. Dies zeigte eine aktuelle Umfrage durch unsere Redaktion in Greven. Unter die zentralrelevanten Waren fallen Weihnachtsartikel, Haushaltsartikel, Elektrokleingeräte, Textilien, Nahrungs- und Genussmittel und sogar Lampen, Leuchten, Bilderrahmen, Hobbyartikel und noch viel mehr. Demnach sollen diese Artikel nur in der Innenstadt verkauft werden und Geschäfte, die diese22. Februar 2016_Hagebau_Greven_1493 Waren (noch) in der Innenstadt verkaufen, sollen damit geschützt und gestärkt werden. So will Greven ein weiteres Absterben im Stadtkern verhindern.

Das ist auch unter stadtpolitischen Gesichtspunkten lebensnotwendig um dem Sterben der Innenstädte entgegenzuwirken. Allerdings haben umfangreiche Recherchen in Greven und viele Gespräche mit Bürgerinnen und Bürgern ein Bild ergeben, wonach das Sterben wohl an anderen Punkten liegt. In erster Linie sind nach unseren Recherchen weniger die Konkurrenzverkaufsstellen außerhalb der Innenstadt am langsamen Sterben der City schuld, als vielmehr die vorsintflutlich empfundenen Öffnungszeiten der Ladenbetreiber, die sich kein Stück um die geänderten Lebensumstände der Bürger kümmern, dazu noch relativ wenig kostenlose Parkmöglichkeiten zu Spitzenzeiten vor der Tür, inklusive. Und den glücklichen Parkplatzeroberern drohen dann Mittagspause beim Optiker oder Elektrofachgeschäft.

Händler arbeiten am Kunden vorbei
Sarah L. findet das Angebot in Greven gerade noch so ausreichend aber es mangelt ihr wie 70% der Befragten an vernünftigen Öffnungszeiten der Geschäfte in der Innenstadt. Und zumindest ein etwas moderneres, jüngeres Kaffee, im Stile eines Cafe Extrablatt.

So gesteht die frisch nach Greven gezogene Mutter zweier Kinder, Lena D., „Das ist ja hier nur grausam. Es gibt nur ein eingeschränktes Angebot und dann die sehr kurzen Öffnungszeiten. Warum soll ich meinen Toaster im Elektrofachgeschäft kaufen, wenn die erst um 9.30 Uhr öffnen, aber schon um 12.30 Uhr eine zweistündige Mittagspause haben. Um 18.30 Uhr ist dann aber auch schon wieder der Feierabend angesagt. Ne da fahr ich doch eben mal zum Baumarkt oder gleich nach Münster, Osnabrück oder Emsdetten. Gleichzeitig auch einen Beutel Gummileckerchen mitzunehmen, finde ich persönlich sehr bequem. Das gehört in der heutigen Zeit einfach zu einem Baumarkt.“ So wie Lena sehen es die meisten der von uns befragten Passanten in der Stadt, zumindest die unter 50-Jährigen.

Aber auch der Rentner Norbert K. meint, „Bevor ich ständig im Internet nachsehe, welches Geschäft wann und wie lange geöffnet hat, bestelle ich doch direkt bei Amazon oder ebay und warte einen Tag, bis meine Lieferung zu mir kommt. Und ich habe dann auch volles Rückgaberecht wenn es mir nicht gefällt. Und wenn meine Tochter am Freitag mit dem Auto kommt, fahren wir zum einkaufen dorthin, wo die Auswahl stimmt. Leider ist das oft Nordwalde oder Emsdetten.“

Greven hat gute Chancen
Eigentlich hat Greven verdammt gute Chancen sich gegen das Umland durchzusetzen, aber um in der von Kunden beschriebenen immer langweiliger werdenden Innenstadt neues Leben einzuhauchen und sie attraktiver für die veränderten Lebensbedingungen der Menschen im Internetzeitalter zu gestalten, gehören unbedingt angepasste sowie kundenorientierte Angebote dazu. Denn immer noch sind ein großes und preiswertes Angebot die Garanten für Kundenströme. Greven ist nach der Aussage vieler befragten Passanten einfach extrem zu teuer. Stichproben im Elektrofachgeschäft und bei Apotheken bestätigten diese Aussage leider nur zu oft. Alte Qualitätsgedanken und hohe Preisstrukturen finden ihre Kunden, solange es diese Kunden noch gibt. Aber die jungen Käufer von heute und morgen, fahren für zielgruppenorientierte Angebote, die sie auch noch bezahlen können, schon heute in die Großstädte.

Was die Innenstädte brauchen sind innovative und breit gefächerte, bezahlbare Angebote. Unternehmer die handeln statt zu klagen und mit Kunden- und Servicegedanken die Bürgerschaft an sich binden. Kosmetische oder geldpolitische Mietpreistreiberei kann für Städte langfristig nur den Tod bedeuten. Und dieser Tod fängt mit starrem Denken an. Der immer noch arg angestaubte Gedanke der Sonntagsruhe, beschert den Onlinehändlern mehr Gewinne, als alle Sortimentsumstellungen bei Einzelhändlern bewirken könnten.

In Greven gibt es immerhin schon fast traditionell, vier Sonntage, an denen verkauft werden darf. An diesen Tagen ist die Stadt erfahrungsgemäß rappelvoll. Auch die Nachbarstadt Enschede in den Niederlanden zeigte dass es geht, und belebte die Innenstadt mit Sonntagsöffnungszeiten. In einigen deutschen Städten werden die Innenstädte mittlerweile durch Onlinehändler belebt, die den Kunden ihre Waren zum anfassen feilbieten.

Erste Schritte werden unternommen. Das neu eingerichtete Informationsportal http://www.greven-hier-kauft-man-ein.de/ soll die Geschäfte der Stadt für den Kunden erreichbarer machen, interessierte Personen können sich dort über Geschäfte, Institutionen und vieles mehr informieren. Leider fehlt auch hier eine Öffnungszeitübersicht.

Einen weiteren Schritt in die richtige Richtung zeigen die Bemühungen der Stadt und Geschäftsleute im Sommer. Mit der Initiative „Greven an die Ems“, wird bis weit über die Grenzen der Stadt ein lockendes Angebot initiiert, welches auf die Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger zugeschnitten wurde, und somit als freizeitorientierter, relevanter Werbeträger für Greven wirkt. Doch dann stehen die Kaufwilligen vor abgeholzten Bäumen, billig wirkenden Bauzäunen mit Plakaten die eine Umgestaltung der Innenstadt bewerben sollen, und sehr oft vor geschlossenen Geschäften, die eben leer stehen, wegen ihrer unzeitgemäßen Öffnungszeiten gerade Mittagspause oder schon am späten Nachmittag geschlossen haben. – So wird Greven immer mehr zum Mekka der Paketzusteller.

Ein Baumarkt ohne Baumarktsortiment
Kommen wir aber noch einmal zurück zum anfänglichen Problem und dem Streit 22. Februar 2016_Hagebau_Greven_1457zwischen Stadt und Baumarkt. Im Jahr 2013, also ganze 16 Jahre nach der Eröffnung des Baumarktes in Greven wurde dem Markt eine große Weihnachtsausstellung verboten. Zu Recht, denn schon in der Bezugs-Satzung war von einem so großen Areal mit Weihnachtsartikeln keine Rede. Interventionen der Behörde wurden auch nach mehreren Gesprächen mit den Verantwortlichen kein Gehör geschenkt, so heißt es zumindest.

Das Argument des Baumarkts war der Kundenwille, der genau diese Art der Vielfalt will.
Doch da prallen einfach zu viele Interessen aufeinander. Der Kunde möchte es natürlich oft einfach und preiswert haben. Die Innenstadtkaufleute brauchen zum Überleben sicherlich nicht nur Innovationen, sondern auch Kunden und da stellt sich eine fast unmöglich zu beantwortende Frage. Wenn sich zum Beispiel ein großer Einzelhändler in der Innenstadt niedergelassen hat und nach Geschäftseröffnung wenig Umsätze mit seinen Artikeln generieren kann, weil ein anderer Händler außerhalb der Innenstadt nicht nur die Parkplätze vor der Tür hat, sondern auch noch genau die Artikel verkauft, die eigentlich der Innenstadt vorbehalten sind, wem soll die Stadt dann Recht geben. Vor allem, wenn sich ein Händler an die Sortimentsbeschränkung jahrelang nicht hält. Das Verwaltungsgericht in Münster befasst sich nun mit der Angelegenheit und so wird es in der Zukunft wohl Rechtssicherheit geben, was nun tatsächlich erlaubt ist.

Bis dahin wird sich der Hagebaumarkt-Greven mit weniger Kunden, oder zumindest weniger Umsatz zufrieden geben müssen. Denn Viele der von uns befragten Baumarkt-Kunden, fahren immer seltener in Greven einkaufen, da sie schon jetzt viel zu oft in einen weiteren Baumarkt fahren müssten, weil das Angebot im Umland einfach besser sei. Dabei fehlen einigen Kunden auch spezielle Artikel die ein Baumarkt eigentlich haben sollte. Wenn jetzt noch mehr Artikel aus dem Sortiment verschwinden, werden einige Weg hierher vergebens. Abhilfe könnte hier eine Aufstockung des Baumarktsortimentes oder eben der Servicegedanke bringen. Kunden einen besonderen Bonus 22. Februar 2016_Hagebau_Greven_1440zukommen zu lassen, wenn ein Artikel nicht vorrätig ist.

Derzeit stellt die Baumarktkette vorerst ernsthafte Überlegungen an, den Standort Greven nach Beendigung der Mietlaufzeiten zu schließen. Ob sich ein neuer Betreiber auf die massive Einschränkung des Sortiments einlässt, ist nicht vorherzusehen. Einige Baumärkte gehen auf keinen Fall in Städte, die eine Sortimentslimitierung vorschreiben. Doch es gibt auch Andere. Dem Grundstückseigner hingegen könnte dieser Umstand sogar in die Hände spielen. Denn statt Baumarkt, Parkplatz und einer nicht nutzbaren Tiefgarage könnte neuer Wohnraum auf Dauer mehr Rendite einbringen.

Keine Parkpätze mehr?
Aber auch den benachbarten Gastronomie- und Veranstaltungsbetrieben schmeckt22. Februar 2016_Hagebau_Greven_1473 diese Situation ganz und gar nicht. Denn die Marktleitung des Baumarktes hatte bislang ihren großflächigen Parkplatz am Abend, den erlebnishungrigen Menschen, als kostenlose Parkmöglichkeit außerhalb der Öffnungszeiten überlassen.

Damit sollte es nun vorbei sein, teilte die Baumarktleitung mit. “Wir müssen jetzt wirklich jeden Cent einsparen, denn durch unsere kulante Parknutzungsfreigabe außerhalb der Baumarkt-Öffnungszeiten, mussten wir am Morgen den Parkplatz regelmäßig vom Unrat befreien, den einige dort hinterlassen hatten. Diese Kosten müssen wir, wie auch das Sponsoring bei bestimmten Vereinen und Veranstaltungen, jetzt einsparen.“, erklärt Geschäftsführer „Karl-Heinz Steven“, „In erster Linie müssen wir die wegfallenden Einnahmen durch die nun ´verbotenen Artikel´, auffangen, bevor wir an der ohnehin schon viel zu knappen Personaldecke einsparen müssen, um zu überleben, oder wie schon gesagt, den Standort gänzlich schließen.“

Am vergangenen Wochenende hat der Marktleiter sich von den Auswirkungen der Parkplatzschließung selbst überzeugt und rudert in einem Gespräch mit uns etwas zurück. „Dieses Chaos der parkenden Fahrzeuge wollen wir aber auch nicht mit ansehen. Wenn im Ballenlager Veranstaltungen vom Kulturverein stattfinden, oder die Gastgeber sich selbst um die Reinigung der Parkflächen kümmern, stimmen wir der Nutzung gern zu. Aber bei städtischen Großveranstaltungen lassen wir den Parkplatz zu.“, erklärte Marktleiter Steven.

Wenn die großen Unternehmen keine Kunden mehr aus dem Umland ziehen, weil das Angebot zu klein oder das Unternehmen geschlossen ist, die Sponsorgelder an immer mehr Stellen gestrichen werden, dann  bleibt noch weniger für die Innenstadt. Eine Frage bleibt, was dann Greven?