Tagesarchive: 11. Mai 2016

LWL-Museum zeigt Geschichte und Kultur sexueller Identitäten

Homosexualität ist selbst im 21. Jahrhundert noch mit einem Stigma belegt. Schon im Vorfeld der Ausstellung “Homosexualität_en” schlug diese einige Wellen. Aber um was geht es?

In seiner neuen Ausstellung “Homosexualität_en” widmet sich das LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster ab Donnerstag (12.5.) den Menschen, die gleichgeschlechtlich begehren oder non-konforme Geschlechtsidentitäten haben. ” Es geht nicht um eine ‘Schwulen-Ausstellung‘, sondern um Frauen liebende Frauen, um Männer liebende Männer und um die vielen Variationen von Geschlecht, die es zwischen männlich und weiblich gibt “, sagt Matthias Löb, Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL). “Mit unserem Konzept der Offenheit hat das Museum sehr gute Erfahrungen gemacht. Es ist also nicht Kuriositätenkabinett, auch kein Tempel der schönen Künste, sondern Forum für Fragen, die Menschen umtreiben.”

Die Ausstellung ist ein Projekt des Schwulen Museums* Berlin in Kooperation mit dem LWL-Museum und dem Deutschen Historischen Museum Berlin. Sie wird gemeinsam gefördert von der Kulturstiftung des Bundes und der Kulturstiftung der Länder.

Bereits das Ausstellungsplakat, das eine Arbeit des_der kanadischen Performance-Künstlers_in Cassils zeigt, spielt mit Uneindeutigkeiten und reflektiert den Ausstellungstitel, der mit dem Unterstrich – auch Gender Gap genannt – auf die Pluralität von geschlechtlichen Identitäten anspielt. Das Motiv zitiert eine aus der Werbung bekannte Ästhetik und zeigt einen durch wochenlanges Krafttraining gestählten Körper. Auf den zweiten Blick entspricht er jedoch keinesfalls den ästhetischen Idealen von Werbung, er durchkreuzt vielmehr alle Normen.

Raus aus der Tabuzone
Anhand von rund 800 Exponaten werden die Besucher_innen mit dem eigenen Verständnis von Geschlecht, Identität und Sexualität, von ‘Normal‘ und ‘Unnormal‘ konfrontiert. Sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität behandelt die Ausstellung dabei als unmittelbar miteinander verbundene Themenfelder. So gerät das Konzept von Homo- und Heterosexualität dann ins Wanken, wenn zweiseitiges Geschlechtsverständnis unzureichend erscheint. Löb: “Unser Anliegen ist es, Lebensentwürfe jenseits der heterosexuellen Norm aus der Tabuzone in unsere Mitte zu holen.”

“Die weit verbreitete Wahrnehmung, Homosexuelle mit schwulen Männern gleichzusetzen, hält dabei der historischen Entwicklung nicht stand: ‘Homosexualität_en‘ rückt deshalb ebenso die wichtige Rolle der Lesbenbewegung für die Emanzipationsgeschichte in den Fokus wie die Bedeutung trans- und intergeschlechtlicher Aktivisten_innen”, so Dr. Birgit Bosold, Projektleiterin und Mit-Kuratorin der Ausstellung. “Wir wollen zeigen, dass die Diskriminierung von homosexuellen Menschen mit der Geschlechterordnung zu tun hat, die allen ungefragt eine geschlechtliche Identität zuweist und zugleich ein sexuelles Begehren, nämlich in Richtung des jeweils anderen Geschlechts.” Für die tatsächliche Vielfalt an Lebens- und Liebesformen stehe die auch international geläufige Abkürzung LGBTIQ (Lesbisch, Gay/Schwul, Bisexuell, Transidentifiziert, Intersexuell, Queer).

Krank oder strafbar
Neben einem Blick in die Geschichte der wissenschaftlichen Debatten um Geschlecht und Sexualität zeigt die Ausstellung auch die Ausgrenzung und Kriminalisierung von homosexuellen Männern und Frauen und Menschen mit non-konformen Geschlechtsidentitäten. Ihre Zuspitzung erfuhr diese Diskriminierung in der Verschärfung des Paragraphen 175 durch die Nationalsozialisten. Diese verschärfte Fassung wurde Grundlage für die massive Verfolgung von schwulen Männern, die für viele in Haft und Konzentrationslager endete – in der Ausstellung repräsentiert durch den von Gastkurator Dr. Klaus Mueller jahrelang recherchierten “Rosa Winkel”. Dieser Teil erzählt Schicksale von Verfolgten und erinnert an all jene Vergessenen, die als homosexuelle Häftlinge im Dritten Reich einen rosa Aufnäher tragen mussten.

Nach Ende des Nationalsozialismus übernahm die Bundesrepublik Deutschland den Paragraphen in ihr Gesetzbuch. Die Folge: Bis zur Liberalisierung 1969 wurden etwa 50.000 Männer verurteilt – ebenso viele wie unter den Nationalsozialisten. “Ich will lieber ein kalter Krieger sein als ein warmer Bruder” – Worte wie diese von Franz-Josef Strauß von 1971 zeigen, dass auch nach 1969 die Diskriminierung Anders-Liebender ihre Fortsetzung fand – bis hinein in unsere vermeintlich aufgeklärte Gesellschaft, in der “Schwul” ein beliebtes Schimpfwort auf bundesdeutschen Schulhöfen ist.

Persönliche “Coming-Out”-Geschichten
In einem anderen Ausstellungsbereich schildern unterschiedliche Personen in kurzen Videofilmen anhand von Gegenständen ihr Coming Out vor Familie und Freund_innen. “Wir wollten hier bewusst Menschen auch aus der Region ihre Geschichte erzählen lassen, um die Perspektive der Berliner Ausstellung zu erweitern”, erklärt LWL-Museumsdirektor Dr. Hermann Arnhold. Denn auch und gerade abseits bekannter Queer-Metropolen wie Berlin entwickelte sich eine bunte und bewegte Szene. So war Münster 1972 etwa Schauplatz für Deutschlands erste Schwulen-Demonstration. Mittlerweile verfügt Westfalen-Lippe über ein dichtes Netz an Freizeitangeboten, Vereinen und Anlaufstellen für Menschen der LGBTIQ-Gemeinschaft.

Historische und zeitgenössische Auseinandersetzung mit Sexualität und Geschlecht
Neben westfälischen Akzenten bietet “Homosexualität_en” den Besucher_innen einen Einblick in die große Sammlung des Schwulen Museums*, die von Flugblättern und Fotografien der ersten Demonstrationen Anfang der 1970er über das Original-Drehbuch des ersten und letzten DDR-Spielfilms zum Thema “Coming Out” von 1989 bis zu einer Dokumentation des “Mösenmobils” reicht, das 1998 den Berliner Christopher Street Day anführte.

Die Ausstellung endet mit dem Interviewprojekt “What’s next?”, in dem Aktivist_innen der queeren Szene über Themen wie ihr politisches Engagement, Solidarität und Konflikte, über Arbeit und Leben jenseits der heterosexuellen Norm sprechen und einen Blick in die Zukunft werfen.

Ergänzt wird “Homosexualität_en” durch zeitgenössische Kunstwerke, die den Umgang mit Sexualität und Geschlecht auf einer künstlerischen Ebene thematisieren. Zu sehen sind einerseits Werke von historischen Künstler_innen wie etwa Edvard Munch, Meret Oppenheim und Andy Warhol. Andererseits sind auch zeitgenössische künstlerische Positionen vertreten, zum Beispiel von Zanele Muholi, Elmgreen & Dragset, Monica Bonvicini, Julian Rosefeldt und Maria Lassnig. Allen Exponaten gemein ist, dass sie um Begehren und Verführung kreisen, mit Geschlechterrollen und -grenzen spielen und zu einer Überprüfung der begrenzten Konzepte von Geschlecht und Identität auffordern.

Tagesaktuelle Meldungen der Polizei vom 11.05.2016

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