Weihnachtszeit gleich “Piratenzeit”?

Weihnachtszeit ist Geschenkezeit. Und wer verschenkt nicht gerne hochwertige Markenartikel, am liebsten für wenig Geld? Doch bei manchen Schnäppchen handelt es sich in Wahrheit um Plagiate, die meist nicht nur qualitativ schlechter verarbeitet oder sogar gefährlich sind, sondern obendrein noch der Wirtschaft schaden. Das Amt der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO) nutzt die konsumintensive Weihnachtszeit, um eine Zusammenfassung verschiedener Studien zu veröffentlichen, die auf den wirtschaftlichen Schaden von Plagiaten in unterschiedlichen Branchen aufmerksam macht.

Laut dieser Studien gehen durch Produktfälschungen in neun Wirtschaftszweigen schätzungsweise über 48 Milliarden Euro — bzw. 7,4 % des Gesamtumsatzes — pro Jahr verloren. Weitere 35 Milliarden Euro entgehen den Volkswirtschaften der EU jedes Jahr durch die indirekten Auswirkungen von Produkt- und Markenpiraterie in diesen Branchen, weil die Hersteller weniger Waren und Dienstleistungen von Lieferanten beziehen, was zu einem Dominoeffekt in anderen Bereichen führt.

Betroffen sind die folgenden neun Wirtschaftszweige: Kosmetika und Körperpflegeprodukte, Bekleidung, Schuhe und Zubehör, Sportartikel, Spielzeug und Spiele, Uhren und Schmuckwaren, Taschen, Spirituosen und Weine sowie Arzneimittel.

Bedingt durch diese Verkaufseinbußen werden in der EU unmittelbar 500 000 Arbeitsplätze abgebaut oder nicht neu geschaffen, da legal tätige Hersteller und bisweilen auch Vertreiber der entsprechenden Produkte weniger Menschen beschäftigen, als dies ohne Produkt- und Markenpiraterie der Fall wäre. Bezieht man die Folgewirkungen von Fälschungen auf andere Branchen mit ein, gehen weitere 290 000 Arbeitsplätze in anderen Wirtschaftszweigen der EU verloren.

Die Studien wurden zwischen März 2015 und September 2016 vom EUIPO durchgeführt, um einen umfassenderen Überblick über die wirtschaftlichen Kosten der Produkt- und Markenpiraterie in der EU zu gewinnen.

Die Studienreihe verfolgt auch die Auswirkungen von Produktfälschungen auf die öffentlichen Finanzen. Insgesamt belaufen sich die jährlichen Verluste bei den Staatseinnahmen aufgrund von Produkt- und Markenpiraterie in diesen neun Wirtschaftszweigen, die sich in ausgebliebenen Einkommen-, Mehrwert- und Verbrauchsteuern niederschlagen, auf schätzungsweise 14,3 Milliarden Euro.

Die Lage in Deutschland
Schätzungen zufolge gehen jährlich 9,1 Milliarden Euro infolge von Produktpiraterie verloren, davon 6,1 Milliarden Euro unmittelbare Verluste in den genannten Wirtschaftszweigen, die sich auf 5,6 % des Verkaufsumsatzes belaufen. Dies entspricht 84 400 verlorenen Arbeitsplätzen, davon 60 000 unmittelbare Arbeitsplatzverluste in diesen Branchen.

Deutschland ist das am drittstärksten betroffene Land, wenn es um Gesamtumsatz- und Gesamtarbeitsplatzverluste infolge von Produktpiraterie geht, worin sich seine Bedeutung als Herstellerland widerspiegelt. Allerdings ist es auch das am fünftwenigsten von Arbeitsplatzverlusten in den genannten Branchen betroffene Land und steht an sechster Stelle bei den Verkaufsumsatzeinbußen, wobei die relativen Auswirkungen nur in einem Wirtschaftszweig – Taschen – über dem EU-Durchschnitt liegen. In zwei Wirtschaftszweigen ist Deutschland in der EU das am stärksten von unmittelbaren Beschäftigungsverlusten infolge von Produktpiraterie betroffene Land, und zwar in der Arzneimittel- und in der Spielebranche.

Die Studienreihe wird im Laufe des Jahres 2017 mit Berichten über die wirtschaftlichen Auswirkungen von Produkt- und Markenpiraterie in den Bereichen Smartphones und Pestizide fortgesetzt und darüber hinaus noch weitere Wirtschaftszweige beleuchten, die hinsichtlich der Verletzungen von Rechten des geistigen Eigentums als anfällig gelten.