Anthony Glees über Migration als Herausforderung

Einen kritischen Blick auf die sozialpolitischen Folgen der Migration hat der britische Politikwissenschaftler Prof. Dr. Anthony Glees am 23. August im St.-Paulus-Dom geworfen. Der Leiter des Centre for Security and Intelligence Studies (Zentrum für Sicherheits- und Intelligenzstudien) in Buckingham sprach als Gastredner im Rahmen der „DomGedanken“, die in diesem Jahr unter dem Thema „Gefährdete Welt – Einsichten und Auswege“ stehen. In seinem Vortrag kritisierte er die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung, wies aber auch daraufhin, dass von der großen Mehrheit der Migranten keine Gefahr ausgehe.

Oberstes Ziel müsse es sein, die Demokratie zu erhalten, erklärte Glees. „Es muss auch künftig eine Politik geben, die vom freien Willen einer Mehrheit des Volkes getragen wird und die Interessen aller unterstützt.“ Dies könne jedoch nur gelingen, wenn die Bürger der Europäischen Union (EU) sich sicher fühlten, „wenn sie überzeugt sind, dass wir uns die christliche Auffassung von Europa nicht durch Islamisten wegnehmen lassen“, sagte Glees. Eine Migrantenpolitik dürfe dabei nicht von Emotionen geleitet sein. Er kritisierte die Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel, sie habe zu großer Unsicherheit geführt: „Wir dürfen uns die christlich-humanen Werte, die uns prägen, nicht von Extremisten abnehmen lassen.“

Ausdrücklich betonte der Professor, dass nur eine sehr kleine Minderheit der Migranten die europäische Sicherheit wirklich bedrohe. „Aber es braucht dafür auch nur eine sehr kleine Zahl von Terroristen – und diese kleine Zahl kann eine große Zahl von Bürgern verunsichern“, sagte Glees. In seinem Heimatland Großbritannien habe dieses Phänomen zum Brexit geführt, „dem größten Fehler möglicherweise in unserer ganzen britischen Geschichte“. Glees ging noch einen Schritt weiter und stellte die These auf, dass sich die Briten mit einer anderen Migrationspolitik für den Verbleib in der EU ausgesprochen hätten. „Eine Migrationspolitik, die nur daran denkt, wie Menschen in Europa aufgenommen und beherbergt werden können, kann also eine Katastrophe für uns alle sein“, fasste der Wissenschaftler zusammen.

Einen Lösungsvorschlag lieferte Glees im Anschluss: „Wir brauchen eine Politik der Vernunft.“ So müssten sowohl die Außengrenzen der EU als auch die Innengrenzen gesichert werden, denn: „Europa kann und darf nicht noch einmal offen sein für alle“, betonte er. Europa benötige eine faire und verantwortungsvolle Einwanderungspolitik. „Statt einer Politik der offenen Tür brauchen wir eine Politik, die zu einer Tür wird, die nur unter bestimmten Umständen geöffnet wird“, erklärte er. Außerdem forderte er die Stärkung der geheimdienstgeführten Sicherheitsapparate.

Nach Glees Worten müsse Deutschland diese Neuausrichtung anführen. „Deutschland muss die Leitung übernehmen, weil es die Mittel und das historische Verständnis hat, um die Verbesserung herbeizuführen.“ So müsse Deutschland weiterhin für den größten vereinten Markt der Welt einstehen und Verantwortung für die Sicherheit Europas übernehmen, insbesondere in Osteuropa und im Mittelmeerraum. Nur so könne die EU ihre inneren Differenzen überwinden.

Nächster Redner der „DomGedanken“ ist am Mittwoch, 30. August, der Diplomat Prof. Dr. Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der Münchener Sicherheitskonferenz. Sein Thema lautet: „Europa – Krise ohne Ende. Neue Positionen für die alte Welt.“ Die Vortragsreihe wird unterstützt von der Evonik Industries AG.