Münsters Zeitreise 1965 – 1975 II

Die Dekade 1965 bis 1975 ist in der Stadtgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg ein durchaus überschaubarer Abschnitt. „Tatsächlich aber stellen diese zehn Jahre einen Wendepunkt in der Entwicklung Münsters nach 1945 dar – und das in vielerlei Hinsicht“, sagt Stadtmuseumsdirektorin Dr. Barbara Rommé. „Der Wiederaufbau ist abgeschlossen, der optimistische Glauben an ungebremstes Wachstum spiegelt sich auch im Städtebau.“ Eine spannende Foto-Ausstellung im Stadtmuseum dokumentiert, in welchem Tempo sich die Stadt in diesen wenigen Jahren ausdehnt, wie Großbauten auch die Ortsteile verändern und – nicht zuletzt – wie immer wieder auch historisch wertvolle Bausubstanz der Abrissbirne zum Opfer fällt.

Was und wie wird gebaut? Nach welchen Visionen und Idealen? Was wird geplant und doch nie ausgeführt? Viele tausend Negative der Pressefotografen Willi Hänscheid und Rudolf Krause hat Dr. Axel Schollmeier, stellvertretender Museumsleiter und Ausstellungskurator, für „Das neue Münster“ gesichtet, ausgewertet und sich für die Ausstellung auf 150 Motive konzentriert. Vor einem Jahr hatte das Haus an der Salzstraße Münsters Weg in den Jahren zwischen 1950 und 1965 nachgezeichnet. Mit der neuen Fotoschau führt Teil II nun bis in die Mitte der 1970er-Jahre.

„Urbanität durch Dichte“, so lautet damals ein Credo der Planung. Außerhalb der City wachsen eng bebaute Großsiedlungen wie Berg Fidel (1250 Wohnungen) und Kinderhaus-Brüningheide (1700) in die Höhe, weitaus gedrängter als wenige Jahre zuvor noch der architektonisch locker gegliederte Aaseemakt. Ausstellungsgäste stehen vor dem Abriss von schmucken Häusern aus der Gründerzeit um 1900. Mit wenig Sinn für die historische Architektur wurden die Bauten, vor allem im Kreuzviertel und Südviertel, dem Kommerz geopfert: Moderne Appartements versprachen mehr Rendite. Axel Schollmeier: „Dadurch sind im Kreuzviertel mehr Altbauten zerstört worden als durch die Luftangriffe des Krieges.“ Mit großen Schritten geht der Ausbau der Universität zwischen der Innenstadt und Gievenbeck sowie der Sentruper Höhe voran. Unweit des neu angelegten Orléans-Ringes finden viele Institute ihren Platz. 1972 ist erster Spatenstich für das gigantische Zentralklinikum.

In den zehn Jahren prägen viele neue Verwaltungsriesen Münsters Gesicht. Darunter: Die LVA an der Gartenstraße, das Regierungspräsidium, die OFD in Münsters Ostviertel, Versicherungen, Sparkassen und Banken an der Weseler Straße, in Kinderhaus und am Aasee. „Es fällt auf, dass viele der damaligen Neubauten kaum 50 Jahre Bestand hatten“, bilanziert Dr. Schollmeier.

Das Wachstum von Handel und Wirtschaft findet seinen Niederschlag auch in der „autogerechten Stadt“ mit dem Ausbau der großen Verkehrsachsen wie Grevener Straße, Steinfurter Straße und Hammer Straße, ehe mit der Ölkrise 1973 und der wirtschaftlichen Rezession ein Umdenken einsetzt. Der Mensch mit seinen Bedürfnissen rückt zurück in den Mittelpunkt.
Mit rund einer halben Million historischer Fotos verfügt das Stadtmuseum über einen überaus reichhaltigen Fundus an Bilddokumenten zur eigenen Stadtgeschichte. In der Reihe „Münster in Fotos“ zeigt das Haus an der Salzstraße jetzt die zwölfte Präsentation. Mit begeisterter Publikumsresonanz: Ihre Vorläufer sahen rund 400 000 Besucherinnen und Besucher.

Ein Foto aus Münsters Innenstadt dem Jahr 1970: Von der Tankstelle sieht man zur Hildegardisschule und Martinikirche. Foto: Stadt Münster – Sammlung Stadtmuseum / Rudolf Krause.

Vom Albersloher Weg geht der Blick in Richtung Kanalbrücke. Unweit von Autohäusern hatte auch eine Kaffeerösterei ihren Sitz. Foto: Stadt Münster – Sammlung Stadtmuseum / Rudolf Krause.

Noch 1971 gab es im Herzen Münsters unbebaute Hinterhöfe, die lediglich als Parkplatz dienten. Diese Fläche lag hinter dem Dom am Horsteberg. Foto: Stadt Münster – Sammlung Stadtmuseum / Rudolf Krause.

Das Foto hält den Blick von der Straße Am Mittelhafen auf das Kopfende des Hafenbeckens fest. Foto: Stadt Münster – Sammlung Stadtmuseum / Hänscheid.

Geschäfte, Werkstätten, Dienstleistungen und Büros: Ab 1965 versorgte der Aaseemarkt die rund 4000 Bewohnerinnen und Bewohner des neuen Stadtteils. Foto: Stadt Münster – Sammlung Stadtmuseum / Hänscheid.

Info: Die Ausstellung „Das neue Münster II – Münster in Fotos
von 1965 bis 1975“ bis zum 8. April 2015 im Stadtmuseum Münster,
Salzstraße 28. Eröffnung am Sonntag, 15. Oktober, 16 Uhr, durch
Bürgermeisterin Karin Reismann. Zur Ausstellung ist ein Bildband,
Aschendorff Verlag, 16,80 Euro, erschienen.

Der Museumseintritt ist frei.