Tatort Nazi-Schreibtisch?

Ein Historikerteam präsentierte im Rathausfestsaal am 85. Jahrestag der nationalsozialistischen Machtübernahme vor rund 200 Gästen die Ergebnisse eines dreijährigen Forschungsprojektes zur Rolle der Stadtverwaltung Münster im Nationalsozialismus. Oberbürgermeister Markus Lewe bedankte sich für das große Publikumsinteresse und hob in seiner Begrüßung die historische Verantwortung von Stadtverwaltung wie Stadtgesellschaft für die auch in Münster umgesetzte nationalsozialistische Gewalt- und Verbrechenspolitik hervor.

Zu lange habe es nach 1945 “blinde Flecken” in der Erinnerungskultur der Stadt sowohl gegenüber den Verfolgten wie auch in der Bewertung der “personellen Kontinuitäten” von Verwaltungsmitarbeitern gegeben. Das vom Rat der Stadt Münster in Auftrag gegebene dreijährige unabhängige Forschungsprojekt wurde vom Geschichtsort Villa ten Hompel koordiniert und an der Universität Münster am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte bei Prof. Dr. Thomas Großbölting umgesetzt.

Annika Hartmann und Philipp Erdmann haben in Dissertationen die Rolle der Stadtverwaltung zwischen 1920 bis 1960 mit innovativen Forschungsansätzen untersucht. Annika Hartmann erläuterte, dass die Verwaltung nach 1933 ihre anfängliche Zurückhaltung gegenüber der NS-Politik mehr und mehr ablegte und sich bis zum Kriegsbeginn 1939 von einem Vermittler zu einem Agenten des Nationalsozialismus vor Ort entwickelte. Dies betraf beispielsweise die Arisierungspolitik. Philipp Erdmann charakterisierte die Akteure in der Stadtverwaltung während des Zweiten Weltkriegs als zunehmend überforderte Krisenmanager, die aber dennoch die NS-Verfolgungspolitik, etwa die Deportation der Juden, administrativ mit vorantrieben. Nach 1945 handhabten die britischen Besatzer die Personalpolitik ebenso pragmatisch wie integrativ, was personelle Kontinuität in einem neuartigen Licht erscheinen lässt.

Deutlich kritisierte Erdmann mentale Defizite bei vielen dieser Beamten gegenüber gesellschaftlichen “Außenseitern”, so dass NS-Stigmatisierungen lange über 1945 hinaus anhielten. Markus Goldbeck ordnete die personelle Entwicklung in der Stadtverwaltung ein. So wuchs die Beschäftigtenzahl während des Zweiten Weltkriegs um fast ein Drittel an, was die wachsende Bedeutung von Verwaltungshandeln im Nationalsozialismus untermauert. Auswertungen zur personellen Kontinuität nach 1945 ergaben zudem, dass zwar Einzelfallprüfungen vorgenommen wurden, jedoch aus heutiger Sicht belastete Beamte zuvor in Entnazifizierungsverfahren allzu leicht entlastet wurden und dies zumeist die Grundlage für eine Weiterbeschäftigung war.

Die Forschungsergebnisse sollen nachhaltig in ein demokratisch legitimiertes, kritisches Verwaltungshandeln einfließen, wie Stadträtin Cornelia Wilkens betonte. In der Villa ten Hompel setzen sich Kommunalanwärter und Kommunalanwärterinnen inzwischen kritisch mit Verwaltungshandeln in Diktatur und Demokratie auseinander, ergänzte wie Dr. Christoph Spieker, Leiter des Geschichtsortes. Diese innovative Geschichtsvermittlung in die Verwaltungspraxis hinein könne auch Vorbild für weitere Kommunalverwaltungen sein, wie Professorin Sabine Mecking hervorhob, die als Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirates das Projekt begleitete. Die Ergebnisse des Forschungsprojektes “Stadtverwaltung Münster im Nationalsozialismus” sollen in der Schriftenreihe “Villa ten Hompel” veröffentlicht werden.

Foto: Sie stellten die Ergebnisse des unabhängigen Forschungsprojektes vor: Prof. Dr. Thomas Großbölting, Prof. Dr. Sabine Mecking, Stadträtin Cornelia Wilkens, Dr. Christoph Spieker, Annika Hartmann, Oberbürgermeister Markus Lewe, Markus Goldbeck und Philipp Erdmann (v.l.).


Foto: Stadt Münster.