Archiv des Autors: Münster Journal

Lebensqualität im Quartier erhöhen

Ein- und Ausfallstraßen in Metropolen sollen vor allem eins: Menschen und Waren schnell befördern. Aber stecken in Magistralen auch Chancen für Bewohner und alternative Verkehrsmittel? Dieser Frage widmeten sich Lydia Rintz und Studierende am Fachbereich Architektur unserer Hochschule, der Münster School of Architecture (MSA). Mit ihren Entwürfen waren sie unlängst zu Gast auf dem Internationalen Bauforum in Hamburg. Denn dort drehte sich alles um Magistralen. Welches Potenzial sie bieten, das erklärt die Vertretungsprofessorin im Interview.

Vertretungsprofessorin Lydia Rintz sieht in Magistralen ein ideales Forschungs- und Arbeitsgebiet und findet, „dass der Diskurs dazu von frischen Ideen profitiert“. Foto: Anett Eberhardt

Frau Rintz, was macht Magistralen für die Stadtplanung so interessant?
Lydia Rintz:
Erstens können wir die neue Mobilität, wie sie jetzt diskutiert wird, und das hohe Verkehrsaufkommen bei der Straßenraumgestaltung nicht voneinander trennen, wenn wir weniger Autos auf Zufahrtsstraßen haben möchten. Zweitens ist der Bedarf nach neuem Wohnraum in den letzten Jahren stark gestiegen, und da haben Magistralen mit ihren freien Flächen große Potenziale. Die bieten aber auch bebaute Flächen, hier geht es um Nachverdichtung mit einer wichtigen Anforderung: die Wohn- und Lebensqualität im Blick zu behalten.

Und Sie sehen darin ein praxisnahes Feld, mit dem sich zukünftige Architekten befassen sollen?
Lydia Rintz:
Ja, unbedingt. Mein Lehrgebiet habe ich ganz bewusst inhaltlich auf die „Neue Mobilität und Straßenraumgestaltung“ ausgerichtet. Im vierten Bachelor- und dritten Mastersemester habe ich zwei Entwurfskurse zum Thema angeboten. Die Studierenden sollten ihre Visionen für die Kieler Straße in Hamburg entwickeln, ohne diese Magistrale zur autofreien Zone zu erklären – das wäre zwar einfacher gewesen, aber ohne jeden Realitätsbezug.

Wie haben die Studierenden das gelöst?
Lydia Rintz: Alle haben ein großes Anliegen umgesetzt: die Lebensqualität im Quartier zu erhöhen. Dafür haben sie die sechsspurige Magistrale „entschlackt“, Raum für alternative Fortbewegungsmittel geschaffen und die Wohnsituation dort qualitativ und quantitativ verbessert. Konkret sah das zum Beispiel in einem Entwurf so aus, dass die Studierenden zwei der Spuren der Hauptverkehrsader gekappt haben. Damit wurden sie einem gewissen Verkehrsaufkommen mit Pendlern und Lieferfahrzeugen noch gerecht, verhalfen aber Fahrradfahrern und Fußgängern zu mehr Platz. Oder sie haben den Straßenverlauf mit einer Platzfigur bewusst unterbrochen, um den Verkehr auszubremsen. Ein Entwurf sieht ein Gebäude mitten auf der Magistrale vor, um das der Verkehr herumgeführt wird, um ihn zu beruhigen.

 Und welche Ideen gab es zur Nachverdichtung?
Lydia Rintz: Beispielsweise die Überbauung einer Tankstelle und eines Supermarktes mit stufenweise angelegten Terrassen, aber auch die Aufstockung der Wohnhäuser aus den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Der Grundgedanke dabei: den vorhandenen Freiraum zu erhalten und auch den Bestand von Einfamilienhäusern in erster und zweiter Reihe zu respektieren.

Die Deichtorhallen glichen einer Entwurfswerkstatt für die Zukunft der Hamburger Ein- und Ausfallstraßen. Mit dabei: Annalotte Irmler. (Foto: Lydia Rintz)

Wie kam es dazu, dass Sie beim Internationalen Bauforum in Hamburg dabei sein durften, um die Ergebnisse vorzustellen?
Lydia Rintz: Mein Seminarthema hat sich glücklicherweise perfekt mit dem Schwerpunktthema beim Bauforum überschnitten, in dem es um Magistralen ging. Also habe ich Kontakt mit der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt in Hamburg aufgenommen. Drei Masterstudierende, die inzwischen als Architekten arbeiten, durften ihre Ideen auf dem Forum beim „Talk der Universitäten“ persönlich erläutern und zur Diskussion stellen. Übrigens in prominenter Runde: Studierende und Lehrende vom IIT Chicago, der TU Hamburg und der HafenCity Universität haben ihre Ansätze dargelegt. Zwei andere Masterstudierende von uns durften sogar in den für das Bauforum gebildeten interdisziplinären Entwurfsteams mit erfahrenen Architekten, Stadt- und Verkehrsplanern mitarbeiten. Für die beiden war das eine Riesenchance – mit viel Arbeit, aber auch viel Spaß.

Aber entsprechen interdisziplinäre Teams der Realität?
Lydia Rintz: Oft leider nicht. Aber wir brauchen solche Quervernetzungen von Architekten, Freiraum- und Verkehrsplanern und auch Soziologen. Magistralen folgen der Logik des Straßenbaus, aber in den Quartieren wohnen Menschen, ihre Ängste müssen ernst genommen werden. Dafür bedarf es einer Unsicherheitskompetenz. Die müssen wir haben, um nach guten Lösungen suchen zu können, Experimente zuzulassen und frei denken zu können.

Wären die Ideen aus Ihrem Seminar auch auf andere Magistralen übertragbar?
Lydia Rintz: Ja, auf jeden Fall, die Thematik der Nutzung von Ein- und Ausfallstraßen ist überall akut. Und wir müssen mit dem Straßenraum arbeiten, den wir haben. Denn die Verkehrswende wird kommen, den Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel, Car-Sharing, Leihräder müssen wir erleichtern.


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