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Münster 68: Aufbruch und Protest

Münster vor fast 50 Jahren, zum ersten Mal ein aufregendes Sendfeuerwerk, dazu Hippie-Kultur, Osterunruhen, das Ende des „Prager Frühlings“ und der Song „Revolution“ von den Beatles – 1968 ist ein Jahr des Aufbruchs und der Proteste. Auch Münsters Stadtgesellschaft geht auf die Straße – bei großen wie kleinen Themen. Der Rest steht im Stau, daran hat sich in Münster nicht viel geändert.

Da streiten Studierende der Pädagogischen Hochschulen für das Ende konfessionell getrennter Abteilungen, Hittorf-Gymnasiasten wettern gegen Garderobengebühren an den Städtischen Bühnen, Kundgebungen mobilisieren gegen die Notstandsgesetze. Das Stadtmuseum blättert mit 80 Fotografien und Textkommentaren in seiner neuen Ausstellung ein weiteres spannendes Kapitel aus dem Münster vor 50 Jahren auf.

Münster 1968: Es ist die Zeit der „Teach ins“ und „Go ins“ an den Hochschulen. Studierende wie Lehrende der Psychologie demonstrieren gegen katastrophale Studienbedingungen, andere – wie die angehenden Ingenieure der Fachschule an der Lotharinger Straße – verlangen die Übernahme in den Hochschulbereich. Die Stadt prosperiert: Münsters Einwohnerzahlen klettern weiter nach oben, in Coerde werden ein Kindergarten und eine Grundschule neu gebaut. Ungebremst auch der Autoboom. Hundertfache Begeisterung empfängt Bundesverkehrsminister Leber, der im November das letzte Teilstück der A 1 Richtung Bremen freigibt. Auch die Autobahn-Raststätten Ost und West sind fertiggestellt.

Weniger Beifall findet eine neue Verkehrsführung, die eigentlich Münsters Innenstadt entlasten soll, doch auf der Eisenbahnstraße zum Kollaps führt.Bilder eines Jahres, die der stellvertretende Museumsleiter Dr. Axel Schollmeier ausgewählt, kommentiert und mit internationalen Schlagzeilen ergänzt hat. „Das war detektivische Detailarbeit“, so der Kurator im Rückblick zu einem mühsamen Prozess. Aus unsystematischen Beständen der Pressefotografen Willi Hänscheid und Rudolf Krause mit vielen Tausend Negativen hat sich das Museumsteam Karton für Karton vorgenommen.

Die wissenschaftliche Volontärin Dr. Larissa Düchting und Studentin Janna Stupperich identifizierten Schritt für Schritt die Münster-Motive des Jahres 1968. Einige Bilder steuerten nach einem Medienaufruf Privatpersonen bei.

„Münster 1968“ ist die neunte Präsentation der überaus erfolgreichen Reihe „Vor 50 Jahren“. Bis heute haben sich nahezu 450 000 Besucherinnen und Besucher auf diese Zeitreisen mitnehmen lassen. Sie sehen erneut einen abwechslungsreichen Rundgang durch den Alltag, durch Politik, Kultur, Freizeit und Sport der Stadt. Das Wersebad Stapelskotten öffnet erstmals seine Pforten, die Bee Gees legen auf ihrer Europa-Tour einen Stopp in Münster ein, Reiner Klimke reitet bei den Olympischen Spielen zu Gold und Bronze.

Stöbern nach neuen Musiktiteln. Hoch im Kurs standen 1968 Bands wie die Bee Gees, Manfred Mann und die Beatles. Foto: Stadt Münster – Sammlung Stadtmuseum Willy Hänscheid.

Protest mit Schlips und Krawatte: Angehörige der Staatlichen Ingenieurschule für Bauwesen in Münster fordern eine Reform ihrer Ausbildung. Foto: Stadt Münster – Sammlung Stadtmuseum Rudolf Krause.

Tafel mit dem Medaillenspiegel der Olympischen Sommerspiele in Mexiko-Stadt am Kaufhaus Horten. Auch Münsteraner waren am Start. Der Reiter Reiner Klimke kehrt mit Gold und Bronze zurück. Foto: Stadt Münster – Sammlung Stadtmuseum Willy Hänscheid.

Baustelle für das neue Landesmuseum. Foto: Stadt Münster – Sammlung Stadtmuseum Rudolf Krause.

 


Info: Ausstellung „Vor 50 Jahren – Münster 1968“ im Stadtmuseum Münster, 9. Dezember 2017 bis 25. November 2018. Der Eintritt ist frei. Zur Ausstellung ist ein gleichnamiger Bildband (Aschendorff Verlag, Münster) erschienen.

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