Das letzte Einhorn kommt ins Pferdemuseum

Nein, es ist kein Märchen – Das Westfälische Pferdemuseum erarbeitet Einhorn-Schädelzurzeit seine neue Sonderausstellung „Tiermärchen – Märchentiere“, die am 3. Juni 2016 eröffnen wird. Ein Thema der Ausstellung: Mythos Einhörner. Bei ihren Recherchen stieß Museumsleiterin Sybill Ebers in einer Fachzeitschrift auf die Abbildung eines Einhorn-Schädels. Es handelt sich um den Schädel eines Rehbocks mit einer seltenen Mutation: Statt zweier symmetrischen Geweihstangen verschmolzen bei diesem Tier die beiden Geweihstangen in einer frühen Entwicklungsphase zu einer Einheit. Vermutlich entstand vor langer Zeit durch einen ähnlichen Vorfall der Mythos vom Einhorn. Im August 2014 erlegte ein Jäger in Slowenien dieses seltene Exemplar. Über einige Umwege konnte dieser Jäger ausfindig gemacht werden und der Schädel steht jetzt für die Ausstellung als Leihgabe zur Verfügung.

Seit der Antike sind Sichtungen von Einhörner überliefert – so erklärt sich ihre große Popularität. Das Einhorn gilt als wild und unzähmbar, lässt sich nur von einer Jungfrau einfangen und verfügt über magische Kräfte. Über Jahrtausende prägten Schriften über das Einhorn den Glauben und die Sichtweisen der Menschen in fast allen Kulturkreisen. Im Mittelalter avancierte das Einhorn zum Symbol für Macht, Reinheit und Unbesiegbarkeit und fand sich in zahlreichen königlichen Wappen wieder. Im Spätmittelalter und in der Renaissance zählte das Horn des Tieres zu den gefragtesten BriefmarkeWertgegenständen Europas. Es galt als Wundermedizin gegen viele Krankheiten, sollte entgiftend wirken und sogar Gift anzeigen. Selbst Hildegard von Bingen schrieb Einhorn-Rezepte als Naturheilmittel gegen die Pest. Der Handel mit Einhorn boomte über mehrere Jahrhunderte und verführte auch zu Betrügereien. Als „echtes“ und kostbar gehandeltes Einhorn wurden die langen, gedrehten Stoßzähne des Narwals, aber auch die selteneren fossilen Stoßzähne des eiszeitlichen Mammuts gehandelt. Zudem gab es lange Zeit Fälschungen aus Knochen und Stein, die als „Einhornpulver” vermarktet wurden. Bis heute zeugen die vielen Einhorn-Apotheken von der jahrhundertelangen Bedeutung des Einhorns in der Medizingeschichte.

Der Irrglaube, dass das Horn von Tieren heilende und Potenz steigernde Wirkung hat, ist nach wie vor aktuell – mit verheerenden Auswirkungen. Allein für den asiatischen Markt wurden in den letzten Jahren tausende von Nashörnern gewildert, um an das für die traditionelle chinesische Medizin begehrte Horn zu gelangen. Im Auftrag gut organisierter Verbrechersyndikate wurden sogar in Museen ausgestopfte Nashorn-Schädel gestohlen.

Die Sonderausstellung „Tiermärchen – Märchentiere“ ist vom 4. Juni bis 9. Oktober 2016 im Westfälischen Pferdemuseum im Allwetterzoo zu sehen.