Anfassen erlaubt

Einen ungewöhnlichen Anblick bietet die Gruppe, die sich auf den Bänken vor der Orgel im münsterischen St.-Paulus-Dom niedergelassen hat. Jeder zweite Teilnehmende hält einen blauen Ballon in Händen. Plötzlich erfüllt ein tiefes Brummen das romanische Gotteshaus. Es ist der tiefste Ton der Orgel, der das Gemurmel der Menschen im Dom verstummen lässt. Über zehn Meter ist die Pfeife groß, die Organist Dominik Bulla erklingen lässt. Die Männer und Frauen mit den Ballons sind taubblind und hörsehbehindert. Doch obwohl sie nichts sehen und hören, lauschen sie am Samstag, 23. September, bei der ungewöhnlichen Führung durch Münsters Mutterkirche der Musik – die Luftballons machen dies möglich. Die Schwingungen, die die Orgel erzeugt, werden durch die Hilfsmittel spürbar erfahrbar. Je tiefer der Ton, desto stärker vibriert der Ballon in der Hand.

„Das Fühlen und die sinnlichen Erfahrungen machen auch für taubblinde Menschen den Dom erfahrbar“, freut sich Mario Schroer, Leiter der Dompädagogik: „Lange dachten wir, dass wir für Taubblinde und Hörgeschädigte nichts anbieten können. Aber es geht doch, wenn man von reinen Erklärungen weggeht und das sinnliche Erfahren mit ins Spiel bringt.“

Zehn Männer und Frauen der Fachgruppe Taubblinde und Hörsehbehinderte aus NRW machen sich auf die Entdeckungstour durch den St.-Paulus-Dom. Jeder von ihnen hat einen Assistenten an der Seite, der die Erläuterungen von Domführerin Hildegard Sträter weitervermittelt. Die Assistenten stehen nah bei den Taubblinden, nehme sie sanft an den Arm und weisen ihnen so den Weg. Bei den Erklärungen fassen sie sich an den Händen und übersetzen Sträters Ausführungen in Gebärdensprache. Da einige Assistenten gehörlos sind, ist Gebärdendolmetscher Tom Temming dabei.

Eine weitere Kommunikationsmöglichkeit ist das sogenannte „Lormen“. Dabei verwandelt sich die Hand des Taubblinden zu einer Art Schreibmaschine, auf der Fingern sowie Handpartien bestimmten Buchstaben zugeordnet sind. So findet sich zum Beispiel das „A“ als Punkt auf der Daumenspitze wieder – gefühlte Sprache.

Da das Fühlen im Zentrum der Führung steht, „haben wir von der Domverwaltung die Erlaubnis bekommen, dass die Teilnehmenden auch einige Bronzeplastiken anfassen dürfen“, sagt die Domführerin, als sie der Gruppe den Kreuzweg erklärt und die Teilnehmenden über die Bronze-Figuren streichen.

Langsam bewegt sich die Gruppe durch den Dom. „Es geht immer nur eins – gehen oder reden, berühren und tasten.“ Das braucht Zeit, weiß Gebärdendolmetscher Temming.

Am Ende wird es noch einmal laut. „Dominik, jetzt gib noch mal ordentlich Power“, fordert Sträter den Organisten auf, kräftig in die Tasten zu hauen. Und ein letztes Mal werden die blauen Ballons in Schwingungen versetzt – zur Freude der Teilnehmenden.

Foto: Jürgen Flatken