Europa verschließt die Augen vor dem Leid der Flüchtlinge

„Wir verschließen in Europa die Augen vor dem Leid der Menschen in Afrika, die auf ein menschenwürdiges Leben hoffen. Es ist menschenverachtend und unchristlich, wenn wir versuchen, uns in Europa auf eine Weise abzuschotten, die Menschen das Leben kostet. Hilfsorganisationen, die Flüchtlinge aus dem Mittelmeer retten, werden zunehmend gezwungen, ihre Arbeit einzustellen, weil sie nicht mehr garantieren können, dass sie gerettete Migranten nach Europa bringen können. Das ist ein Schlag ins Gesicht eines großartigen freiwilligen Engagements und ein Armutszeugnis der europäischen Politik.“ Mit diesen scharfen Worten hat sich der Münsteraner Weihbischof Dr. Stefan Zekorn, der im Bistum für weltkirchliche Fragen zuständig ist, am 6. September an die Öffentlichkeit gewandt. Anlass für die Kritik Zekorns war die Anfang der Woche veröffentlichte Entscheidung der auch vom Bistum Münster finanziell unterstützten privaten Flüchtlingsinitiative „Migrant Offshore Aid Station“ (MOAS), ihren Hilfseinsatz im zentralen Mittelmeer auszusetzen. Mit ihrem Rettungsboot „Phoenix“ hatte MOAS nach eigenen Angaben in den vergangenen drei Jahren mehr als 40.000 Kinder, Frauen und Männer aus dem Mittelmeer gerettet.

Zekorn erläutert, dass MOAS das Aussetzen der Hilfe im Mittelmeer damit begründe, dass derzeit viele Menschen, die über das Mittelmeer nach Europa fliehen möchten, etwa in Libyen festgehalten würden oder unfreiwillig dorthin zurückgebracht würden. Es gebe Schilderungen aus Libyen, die von schrecklichem Missbrauch, Gewalt, Folter, Entführung und Erpressung in den dortigen Lagern berichteten. Weihbischof Zekorn: „In Deutschland können wir aktuell leicht den Eindruck gewinnen, dass es kein Flüchtlingsproblem mehr gibt. Es ist aber scheinheilig und zynisch zu glauben, dass die Probleme gelöst sind, nur, weil die Flüchtlinge nicht mehr an unseren Grenzen stehen und zu uns gelangen. Wir dürfen die Menschen, die in Afrika nach wie vor unter Krieg, Gewalt, Vertreibung und Hunger leiden, nicht alleine lassen. Und erst recht dürfen wir sie nicht im Mittelmeer ertrinken lassen. Wenn die europäische Politik derart versagt, dann braucht es umso mehr und gerade jetzt Initiativen wie MOAS, für die ganz einfach die Menschen und ihre Schicksale im Mittelpunkt stehen.“ Angesichts des Rückzugs von MOAS und anderer Hilfsorganisationen aus dem Mittelmeer appelliert Zekorn an die europäische Politik, viel entschiedener und nicht so halbherzig wie bislang die Situation in Afrika anzugehen und endlich dafür zu sorgen, dass die Menschen dort in Würde leben können. „Und gleichzeitig stellt sich die Frage: Wer rettet künftig die Menschen aus dem Mittelmeer? Es soll dann bitte keiner der europäischen Politiker sagen: wir haben es nicht verhindern können oder nicht gewusst.“

Im April hatte das Bistum Münster die humanitäre Initiative MOAS finanziell unterstützt. Dank der Hilfe des Bistums konnte das Schiff Phönix damals auslaufen. Alleine im April konnten nach Angaben der Initiative 2.820 Menschen im Mittelmeer gerettet werden. Der Kontakt mit MOAS war schon vor zwei Jahren über Dr. Rupert Neudeck, den Mitgründer der Organisation „Cap Anamur“, und die Kevelaererin Dr. Elke Kleuren-Schryvers zustande gekommen.