Münster 1969: Die junge Generation begehrt auf

Sprechchöre “Nazi-Kiesinger und “Polizei SS” hallen über den Prinzipalmarkt – es ist einer der größten politischen Proteste seit Kriegsende. Mehrere tausend Jugendliche und Studierende blockieren das Rathaus. Dem deutschen Bundeskanzler, Ehrengast des Kramermahls, bleibt nur die Hintertür, um in den Festsaal zu gelangen. Münsters junge Generation begehrt auf – ihre Revolten ziehen sich wie ein roter Faden durch die neue Ausstellung “Vor 50 Jahren – Münster 1969” des Stadtmuseums. Kiesinger ist aufgrund seiner Vergangenheit im Nationalsozialismus für viele Jüngere das Gesicht einer unbewältigten deutschen Geschichte.

Was 1968 im Vergleich zu anderen Städten eher zögerlich in Münster begonnen hatte, dehnt sich ein Jahr später aus und zieht sich durch die Gesellschaft. “Demos, gewalttätige Ausschreitungen und Polizeieinsätze sind an der Tagesordnung”, blickt Ausstellungskurator und stellvertretender Museumsleiter Dr. Axel Schollmeier zum Beispiel auf ein Foto vom 20. September: Wasserwerfer drängen

Münsters Oberbürgermeister Dr. Albrecht Beckel (l.) 1969 unterwegs im Wahlkampf. Es sollte zum Machtwechsel kommen: Willy Brandt wurde Kanzler. Foto: Stadt Münster. Sammlung Stadtmuseum – Krause.

am Domplatz den Protest von 6000 Münsteranern gegen den Wahlkampfauftritt der rechtsextremen NPD zurück. Auch die Schülerschaft macht mobil: Die geburtenstarken Jahrgänge streiken gegen Lehrermangel und hoffnungslos überfüllte Klassenzimmer.

Mit der Rückblende auf die Schlagzeilen eines Jahres zeigt das Stadtmuseum die nunmehr zehnte Präsentation einer überaus erfolgreichen Reihe. “Sie genießt einen überwältigenden Publikumszuspruch”, so Museumsdirektorin Dr. Barbara Rommé mit Blick auf bisher erreichte 500 000 Besucherinnen und Besucher. Tausende Negative aus den reich bestückten Nachlässen der Bildchronisten Rudolf Krause und Willi Hänscheid wurden für die aktuelle Schau gesichtet. Sie laden zu einer ebenso abwechslungsreichen wie informativen Zeitreise durch das Stadtbild, durch Politik, Kultur und Freizeit ein. Mitgearbeitet an der Bilderreise haben Dr. Larissa Düchting und Janna Stupperich.

1.Spatenstich für Berg Fidel Die Wohnungsnot brennt unter den Nägeln, obgleich in den noch jungen Stadtteilen wie Coerde oder Gievenbeck der Ausbau fortschreitet. Am 3. November setzt Oberbürgermeister Beckel den 1. Spatenstich für die Großsiedlung Berg Fidel in Münsters Süden. Bis 1976 sollten dort über 1250 Wohnungen – in der Mehrzahl öffentlich gefördert – entstehen. Im September 1969 ist auf der Sentruper Höhe Baustart für Europas ersten Allwetterzoo; die Hauptfeuerwache am York-Ring feiert Richtfest. Stars und nationale Größen haben im Jahr 1969 Münster auf dem Tournee-Plan.


Showmaster Rudi Carrell schreibt nahezu 5000 Autogramme, und – ein Jahr vor seinem frühen Tod – rockt Jimi Hendrix eine nicht (!) ausverkaufte Halle Münsterland. Dass Elite-Kicker wie Real Madrid zu einem Freundschaftsspiel nach Münster anreisen, mag man kaum glauben. Auch Günter Grass gibt sich die Ehre – die Städtischen Bühnen inszenieren sein Drama “Davor”. Bundesweit beachtet: Der öffentlich ausgetragene Streit zwischen Intendanz und Autor über Eingriffe in die Textvorlage. Die Premiere am 13. Juni wird von Polizeikräften geschützt.


stellung “Vor 50 Jahren – Münster 1969” im Stadtmuseum Münster, 7. Dezember 2018 bis 24. November 2019. Der Eintritt ist frei. Zur Ausstellung ist ein gleichnamiger Bildband (Aschendorff Verlag, Münster, 9,80 Euro) erschienen.