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Titanick (C) by André Auf der Landwehr

Das verlorene Lager

Das verlorene Lager am Aasee

Im Herbst 2013 wurde an der Gasselstiege in Münster die letzte Baracke einer Zimmerei abgerissen, die während des 2. Weltkrieges ein Kriegsgefangenenlager für 25 russische Gefangene auf dem Firmengelände betrieben hat. Um einem Neubauprojekt Platz zu machen verschwand auch eines der letzten verbliebenen Gelände der 180 Zwangsarbeiter- und Kriegsgefangenenlager, die zwischen 1941und 1945 in Münster und Umgebung errichtet wurden.

Mindestens 12.000 Menschen wurden in diesen Lagern inhaftiert; tausende mussten dort ihr Leben lassen.
Zur Erinnerung an diese und an die Millionen Gefangenen, die aus allen europäischen Ländern nach Deutschland deportiert wurden entsteht ab dem 1. Mai 2014 am Aasee eine solche Lagerbaracke.

 

Die Installation

Ort und Zeit für die Errichtung der Erinnerungsstätte sind nicht zufällig gewählt: Am 8. Mai 1945 endete der 2. Weltkrieg; in Sichtweite des Schauplatzes – an der Bismarckallee – befand sich bis 1945 die Gauleitung, in der die NSDAP folgenschwere Entscheidungen für Münster und die Region traf.

Der Wiederaufbau der Baracke folgt einem genauen bühnenbildnerischen Plan: An jedem Abend entsteht ein neues Bild, das jeweils andere Assoziationsräume eröffnet.

Die Inszenierung

Für die Inszenierung konnte Theater Titanick den Regisseur Christian Fries gewinnen, dessen Arbeit Sprache, Textbehandlungund körperliches Spiel ins Zentrum stellt. Titanick nimmt sich der historischen Thematik auf eine spezifisch künstlerische Weise an. Bei der Umsetzung schlägt Theater Titanick – bekannt für spektakuläre Open Air Inszenierungen –
eher leise Töne an. Dennoch wird die Errichtung des Denkmals von starken, eindringlichen Bildern begleitet: Fünf Schauspieler zeigen vom 4. bis 8. Mai zu jeder Bauphase eine circa 60 minütige Theaterperformance. Dabei nehmen sie Bezug auf Briefe von ehemaligen russischen Kriegsgefangenen, in denen existentielle Not, Beklemmung und ständige tödliche Bedrohung zum Ausdruck kommen.

So wie sich die Baracke während der einzelnen Bauphasen verändert,entwickeln sich auch die Performances von Abend zu Abend weiter. Die Rückblicke sind oftmals voll rührender Sanftmut,erstaunlich fern von Rachegefühlen und greifen immmer wieder die trauma tisierenden Szenen der Lagervergangenheit auf. Sprache, Raum und Stimmung verschmelzen zu einem Gesamtwerk, das sich einer unvorstellbaren Welt des Terrors voller menschlicher Grenzerfahrungen annähert. Ein vorsichtiger Versuch, der Unmenschlichkeit das künstlerische Bild der Verletzlichkeit entgegenzusetzen.

Info Point
Ausführliche Informationen zum Thema Zwangsarbeit in Münster und Umgebung erhalten Sie am Info Point:
1. bis 3. Mai von 11 bis 18 Uhr,
4. bis 8. Mai von 11 bis 23 Uhr
Im FORUM DER ERINNERUNG am Info Point wird in Vorträgen und Lesungen über Themen der Nazi-Diktatur referiert.
Fragen und Diskussionen sind erwünscht!
MI 7. MAI Andreas Determann, Historiker und Matthias M. Ester, M.A. Historiker
Vortrag über Orte des Erinnerns und Gedenkens in Münster und Europa

DO 8. MAI Sebastian Aperdannier, Schauspieler Lesung aus dem Roman „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque zum Gedenken an die Bücherverbrennung.

Einführung: Andreas Determann
Eine Veranstaltung von Villa ten Hompel, Gesellschaft für Christlich- Jüdische Zusammenarbeit Münster e. V.