Verdachtsstelle am Bahnhof wird kommende Woche freigelegt

Der Zweite Weltkrieg hat in Münster noch einige Überraschungen parat. So auch am Bahnhof. Um an diese Hinterlassenschaften zu kommen, muss oft schweres Gerät eingesetzt werden. Ganz langsam straffen sich die vier schweren Stahlketten am Ausleger des gelben Baukrans vor dem Hauptbahnhof. Sie sind an einem metergroßen Betonblock an der tiefsten Stelle der Baugrube befestigt. Dann, Zentimeter um Zentimeter hebt sich das 3,8 Tonnen schwere Fundamentstück ganz langsam aus dem Erdreich und wird vorsichtig einige Meter entfernt abgelegt. Die Anspannung weicht aus den Gesichtern – wieder ein Schritt weiter. Damit steigt die Chance, dass endlich Klarheit über die Bomben-Verdachtsstelle geschaffen werden kann. Wenn keine neuen Überraschungen dazwischenkommen, wissen bis Dienstag, 27.10.2015, alle mehr. Gegebenenfalls kann dann am Mittwoch entschärft werden.

Was sich in den vergangenen Wochen auf der Bahnhofs-Baustelle abgespielt hat, war wie bei der Operation am offenen Herzen: Äußerste Umsicht und Vorsicht sind oberstes Gebot, nichts durfte schiefgehen. Nur dass in diesem Fall als Instrumente schwerstes Gerät zum Einsatz kam. Hunderte Mal musste sich der Bohrkopf in Präzisionsarbeit rund um die bei einer Sondierung gemessene Verdachtsstelle durch eine eineinhalb Meter dicke Betonplatte fräsen – so oft, bis zwei Betonblöcke ausgeschnitten waren, die der Kran an den Haken nehmen konnte. Darunter liegt jetzt noch eine Schicht Erdreich. Diese wird bis Anfang kommender Woche entfernt.

Dass die Erkundungsarbeit auf der Baustelle so schwierig und langwierig würde, war nicht vorhersehbar. Die Pläne geben keine Auskunft darüber, dass und wo unterhalb des Fundaments des bisherigen Bahnhofs sich Fundamente von mehreren Vorgänger-Bauten befinden. Wie sich jetzt gezeigt hat, wurden vier Bahnhöfe an manchen Stellen nacheinander auf Bodenplatten des Vorgänger-Baus errichtet. Das machte es so schwierig, sich vom Kellergeschoss-Niveau des künftigen Bahnhofs sechs Meter in die Tiefe vorzuarbeiten.

Erst wenn diese Stelle frei liegt, wird offensichtlich, ob die Messungen der Kampfmittelbeseitigung auf einen Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg oder zum Beispiel auf ein Metallstück aus dem Fundament eines Bahnhofs-Vorgängerbaus angeschlagen haben. Sollte sich dort tatsächlich eine Bombe befinden, werden die Experten vom Kampfmittelbeseitigungsdienst der Bezirksregierung Arnsberg entscheiden, ob und wie er entschärft werden kann oder – was in sehr seltenen Fällen vorkommt – ob er unter Umständen gesprengt werden muss.

Feuerwehr und Polizei, die Deutsche Bahn als Bauherrin und die betroffenen Verkehrsunternehmen planen für den Fall, dass eine Entschärfung erforderlich ist. Dann würde – abhängig von Kaliber, Lage und Umgebung eines möglichen Blindgängers – in einem Radius von einigen hundert Metern rund um die Fundstelle evakuiert. Davon wären mindestens 2.500 Menschen in Wohnungen, Arztpraxen, Hotels, Büros und Geschäften betroffen, der Verkehr käme zum Erliegen, Busse und Züge müssten den Betrieb einstellen. Angesichts dieser Auswirkungen wären alle Beteiligten erleichtert, wenn der Baugrund zur Abwechslung auch mal eine positive Überraschung bieten würde mit dem Ergebnis: Der Verdacht war begründet, hat sich glücklicherweise aber nicht bestätigt. Wie sich die Situation tatsächlich darstellt, wird sich in der kommenden Woche zeigen.