Von Helden und Geburtstagskindern

Nächste Woche fängt das Internationale Jazzfestival in Münster an. Ein weltweit beachtetes Festival. Doch Vorsicht! Wer melodischen Jazz ähnlich der 1920er bis 1940er Jahre hören möchte, sollte das Programm genau durchlesen. Die Masse der auftretenden Musiker gehört eher jenen Jazzern an, die den Jazz der 1960er Jahre lieben. Also Jenen, die schon dann in ekstatischen Zuckungen geraten, wenn ihrem Instrument überhaupt ein Pups entfleucht. Liebhaber dieser Musik finden mit Sicherheit ihre Helden auf dem Jazzfestival.

Helden sind mutig, wahrhaftig, imposant – und spielen ein Instrument. Zumindest die Helden des Jazz. Ein Kapitel des 26. Internationalen Jazzfestivals Münster, das heute aufgeschlagen wird, widmet sich besonderen Jazz-Größen und ihrem Erbe.

Charles Mingus (1922-1979) war nicht nur ein begnadeter Kontrabassist, Komponist und Wegbereiter des modernen Jazz, sondern auch ein gefürchteter Unruhestifter. Er spielte frei und unkonventionell – und war berüchtigt für Frauengeschichten, cholerische Ausbrüche und Handgreiflichkeiten. Hinterher bedauerte er seine Ausraster. „I am three“, erklärt Mingus in seiner Autobiografie: „Ich bin drei. Der eine steht immer in der Mitte, unbekümmert und unbeteiligt. (…) Der Zweite ist wie ein ängstliches Tier, das angreift aus Angst, selbst angegriffen zu werden. Und dann ist da noch ein liebevolles, sanftes Wesen, das jeden in die entlegenste und heiligste Kammer seines Inneren lässt.“

„I am three“ heißt auch das Projekt, das Mingus‘ Musik am Festival-Freitag in die Gegenwart transformiert. Die Berliner Saxofonistin Silke Eberhardt hat sich zwei Wahl-Berliner mit westfälischen Wurzeln an die Seite geholt: den in Münster geborenen Schlagzeuger Christian Marien sowie den Trompeter und Flügelhornspieler Nikolaus Neuser aus Siegen. Eine kühne Hommage an den Helden des Kontrabasses – ganz ohne Kontrabass. „Ich habe sie live gehört“, erzählt der künstlerische Leiter Fritz Schmücker. „Nicht nur die Besetzung ist außergewöhnlich, auch die ungeheure Dynamik, mit der die drei spielen.“

Ein ganz Großer des Big-Band-Jazz war der Pianist Chris McGregor. Er verließ Südafrika zur Zeit der Apartheid und gründete 1969 in London die legendäre Band „The Brotherhood of Breath“. Diese Bruderschaft ließ das Publikum schneller atmen: Südafrikanische Rhythmen trafen auf Kollektivimprovisationen. In diesem Jahr, am 24. Dezember, wäre der 1990 verstorbene Chris McGregor 80 Jahre alt geworden. Sein Erbe tritt nun auch ganz wörtlich „Brotherhood Heritage“ an. Diese „Erbengemeinschaft“ wurde von Didier Levallet – einst Mitglied der Ursprungsband – und François Raulin ins Leben gerufen. Keine Kopie des Originals sollte es sein, sondern eine Neuschöpfung aus der Erinnerung heraus. Finanziell unterstützt vom französischen Staat und produziert von mehreren französischen Jazzfestivals, ging es auf Tournee. Und die war ein Riesenerfolg. Die Kritiker überschlugen sich mit Lob für dieses „Konglomerat aus südafrikanischem Folk, Free-Jazz, Calypso-Echos und mitreißender Polyphonie.“ Zu erleben am Festival-Samstag im Theater Münster.

Und es gibt noch ein Jubelfest: 1967 gründeten die drei Musiker Misha Mengelberg, Willem Breuker und Han Bennink mit dem Instant Composers Pool (ICP) ein Label, um Jazzplatten zu veröffentlichen, die niemand anderer veröffentlichen wollte. Der Name war Programm: Es handelte sich um einen Zusammenschluss „spontaner Komponisten“. Mengelberg erklärt seine Wortschöpfung so: „In der Improvisation werden im Augenblick des Spiels durchaus Festlegungen getroffen und es wird damit quasi komponiert.“ Einige Jahre später wurde das ICP-Orchestra gegründet. Zwar gab es im Laufe der Zeit einige Personalwechsel, doch Han Bennink sitzt immer noch am Schlagzeug. Und improvisiert wird am Festival-Sonntag so frisch wie früher. www.jazzfestival-muenster.de