“Unsre Oma hat im Backenzahn `n Radio”

Am diesjährigen “Tag des Radios”, der am 13. Februar an ein noch junges, aber kulturell wichtiges Medium erinnert, ist es fast 99 Jahre her, dass mit einem Weihnachtskonzert die erste zivile Rundfunkübertragung in Deutschland über den Äther ging. Erst 1923, drei Jahre nach dieser ersten Sendung, war es dann soweit, dass vom Sender Königs Wusterhausen ein regelmäßiges Programm gesendet werden konnte. “Ein einziger Sender war angesichts der Größe des Deutschen Reichs allerdings zu wenig. Nach und nach wurden deshalb regionale Sendestationen wie zum Beispiel 1924 in Münster aufgebaut”, sagt Christiane Cantauw von der Volkskundlichen Kommission des LWL, die sich im Volkskundearchiv nach Zeitzeugenberichten über die Frühzeit des Radios umgesehen hat.

Anfangs war das Radiohören eine einsame Beschäftigung, denn die ersten sogenannten Detektor Geräte waren nicht mit Lautsprecher, sondern nur mit einem Kopfhörer ausgestattet. “Auf diese Weise konnte nur jeweils eine Person hören, was übertragen wurde, falls nicht ohnehin alles von Rauschen überlagert war”, erläutert Cantauw.

Die ersten Radiogeräte wurden um 1924 herum vielfach von technisch interessierten Bastlern gefertigt. In einem Bericht aus Verl (Kreis Gütersloh) heißt es beispielsweise, dass ein Vetter, der eine Elektrikerlehre machte, als Gesellenstück ein Radio gebaut habe. Zur großen Freude der ganzen Familie ertönte als Ergebnis seiner Anstrengungen eine Stimme in der Küche, die verkündete “Hier spricht Radio Luxemburg!”

“Die ersten Radiopioniere werden in den Berichten im Volkskundearchiv häufig als bewundernswerte, technisch versierte und Neuem gegenüber sehr aufgeschlossene Personen beschrieben. Zu diesem Personenkreis gehörten vielerorts auch Lehrer, die das neue Medium auch in der Schule einsetzten”, erläutert Cantauw. Dem Bericht des Volksschullehrers Heinrich Mevenkamp aus Rheine-Catenhorn (Kreis Steinfurt) lässt sich die Begeisterung über den “Zauberkasten” jedenfalls deutlich anmerken: “Im Schulfunk war eine Sendung über die Wege, die Zugvögel nehmen, angekündigt. Unser Nachbar (…) hatte schon einen solchen Zauberkasten. Ich nahm Rücksprache (…). Er gestattete ohne langes Überlegen, daß ich mit meiner Klasse bei ihm in der großen Küche Radio hören könne. Stühle konnten wir aus den Wohnräumen holen. Eine Viertelstunde aufmerksame Zuhörer zu haben, ist schon ein Kunststück bei Kindern. Doch war die Aufmerksamkeit hier so konzentriert, daß sich jede Aufforderung zum Zuhören erübrigte. Wohl alle Kinder hörten zum ersten Male Radio.”

Auch einige Gastwirte und Hoteliers erkannten das Potenzial des neuen Mediums. So befand sich schon vor 1925 eine “Rundfunkanlage” im Hotel Bücker in Erwitte (Kreis Soest): “Sie hatte noch keinen Lautsprecher, sondern nur Kopfhörer, die an einzelnen Sesseln des Speisezimmers angeschlossen waren.” Die Möglichkeit, mehrere Kopfhörer an ihren Detektor anzuschließen, machten sich auch Privatleute wie eine Lehrerin aus Eggerode (Kreis Borken) zunutze, die außer dem eigenen noch vier Kopfhörer für Gäste besaß.

“Spannend ist, an welche Sendungen sich die Zeitzeugen erinnern. Neben den Nachrichten war den Menschen auf dem Land vor allem der Wetterbericht wichtig, weil die Entwicklung des Wetters für landwirtschaftliche Arbeiten wie Säen und Mähen wichtig war. Neben diesen Sendungen werden auch die Übertragungen von Gottesdiensten, von Schlagern und von unterhaltsamen Beiträgen wie plattdeutschen Hörspielen, Karnevalsliedern oder dem Mittagskonzert genannt”, fasst Cantauw zusammen. Sendungen wie der “frohe Abend” oder der “lustige Samstagnachmittag” fanden auch in Westfalen ihre begeisterten Anhänger.

Emotionale Reaktionen lösten aber wohl andere Sendungen aus: “Als dann nach dem Krieg zum ersten Mal die Kölner Domglocken läuteten als die Schreine mit den Gebeinen der Hl. Dreikönige wieder in den Kölner Dom zurückgeführt wurden, da kamen nicht nur uns Frauen Freudentränen in die Augen. Der achtzigjährige Vater, der auch viel zu uns kam, war auch tief gerührt”, ist einem Bericht aus Gladbeck (Kreis Recklinghausen) zu entnehmen.

Ein zentrales Symbol für die nationalsozialistische Propaganda war der Volksempfänger, ein kompaktes Radiogerät, das ab 1933 zum Preis von etwa 76 Reichsmark verkauft wurde. Mit dem Volksempfänger wurde das Radio endgültig zum Massenmedium, das es dem faschistischen Regime ermöglichte, Propaganda in Form von Lied- und Wortbeiträgen in über 4 Millionen Haushalte zu senden. Viele Reden von Hitler, Göbbels, aber auch von lokalen NS-Größen wurden als Reichssendungen landesweit übertragen. Wie in Sundern (Hochsauerlandkreis) sollten so viele Volksgenossinnen wie möglich diese Übertragungen verfolgen können, dafür hatten z.B. Vorarbeiter und Lehrer ihre Radiogeräte zur Verfügung zu stellen: “Als ich die Notstandsarbeiten zu beaufsichtigen hatte, musste ich auch auf Anordnung des politischen Amtsleiters den Arbeitern Gelegenheit bieten, bei besonderen Veranstaltungen der Partei, die Reden Hitlers und seiner Mitarbeiter anzuhören.”

Nicht nur über die Reichssendungen, sondern auch mit Hilfe der Regionalfunksendungen eröffnete sich dem faschistischen Regime die Möglichkeit, politisch auf Millionen von Hörerinnen einzuwirken. “Einige der Zeitzeugen schreiben aber auch, dass sie oder Verwandte Sender aus dem Ausland empfangen hätten – eine Praxis, die seinerzeit polizeilich verfolgt und streng geahndet wurde”, sagt Cantauw und ergänzt, dass die Berichte der Zeitzeuginnen letztlich natürlich auch ein Indiz dafür sind, wie tief greifend Massenmedien wie das Radio das alltägliche Leben verändert haben.
Wer sich für die Berichte über die Frühzeit des Radios interessiert, kann im online-Archiv der LWL-Kommission unter https://www.lwl-volkskundearchiv.de fündig werden. Für ihr Archiv suchen die LWL-Volkskundler noch alte Hörfunkzeitschriften. Wer seine Exemplare zur Verfügung stellen möchte, kann unter voko@lwl.org Kontakt aufnehmen.


Bild: LWL