Bischof Genn verurteilt die europäische Flüchtlingspolitik

Angesichts der jüngsten Katastrophen im Mittelmeer hat der Bischof von Münster, Dr. Felix Genn, bereits am 19.04.2015 bei der Diakonenweihe im St.-Paulus-Dom in Münster die Gläubigen zum Gebet für die mehreren Hundert Toten aufgerufen und an die Weltgemeinschaft appelliert, gemeinsam zu handeln, damit Afrika nicht “zum vergessenen Kontinent” wird.

Am 20. April hat Bischof Genn nun scharfe Kritik an der europäischen Flüchtlingspolitik geübt. Wir dokumentieren im Folgenden die Erklärung des Bischofs:

“Im Mittelmeer sind in der vergangenen Woche vermutlich weit über 1.000 Frauen, Männer und Kinder, die nichts anders als leben wollten, jämmerlich ertrunken. Wie lange noch wollen wir Europäer hier tatenlos zusehen? Wie lange noch ertragen wir die Aussagen derjenigen, die offensichtlich eine humane Flüchtlingspolitik entweder nicht wollen oder nicht in der Lage sind, sie umsetzen?

Als Christinnen und Christen sind wir gefordert, unsere Stimme gegen dieses zum Himmel schreiende Unrecht zu erheben. Diejenigen, die da ertrinken, sind unsere Schwestern und Brüder. Es sind – wie Papst Franziskus es gestern gesagt hat – unsere Geschwister: hungernd, verfolgt, verwundet, ausgebeutet. Machen wir der Politik deutlich: Wir sind bereit, ein wenig von unserem Überfluss einzusetzen, um Flüchtlinge vor dem Ertrinken zu retten und ihnen ein Leben in Würde zu ermöglichen.
Als erstes wäre es ein leichtes, die Aktion “Mare Nostrum” – warum nicht unter europäischer Federführung – wieder zu beleben und die Aktion “Triton” abzulösen. “Triton” hat mit der Überwachung eines Meeresstreifens von nur 30 Seemeilen vor der Küste Italiens und Maltas einen deutlich kleineren Aktionsradius als “Mare Nostrum” ihn hatte. So wird wissentlich in Kauf genommen, dass Menschen, so wie es in der vergangenen Woche geschehen ist, ertrinken, wenn sie sich außerhalb der 30-Meilen-Zone befinden.
Natürlich ist es richtig, wenn Politiker nun sagen, dass die Ursachen der Flüchtlingswelle in den Ursprungsländern der Flüchtlinge bekämpft werden müssen; natürlich ist es richtig, dass die Schleuser und Schlepper Verbrecher sind. Wer aber nur diese Argumente anführt, verkennt völlig, dass es seit Jahrzehnten nicht gelungen ist, die Ursachen dieser Flüchtlingsbewegung zu bekämpfen, und verschließt die Augen vor der Wirklichkeit. Die Flüchtlinge setzen ihr Leben nur deshalb aufs Spiel, weil sie für sich und ihre Familien keine Alternative sehen. Wer die Ermordung von Familienmitgliedern und Freunden erlebt, wer mit ansehen muss, wie Angehörige durch Hunger sterben, wer vergewaltigt wird, wer diese und noch mehr Gräuel erlebt und keine Perspektive hat, der setzt sein Leben ein, um dem zu entkommen.
Die Migration aus Afrika und dem Nahen Osten ist ein gesamteuropäisches Problem. Europa darf die Mittelmeerländer damit nicht alleine lassen. Vielmehr brauchen wir eine umfassende europäische Strategie mit drei Elementen. Als Sofortmaßnahme sind die Organisation und Finanzierung der Rettung aller in Seenot geratenen Flüchtlinge notwendig, um weitere Katastrophen zu verhindern. Dann braucht es die Gestaltung der Verteilung und der guten Aufnahme der Flüchtlinge in den europäischen Ländern.

Schließlich sind, soweit das möglich ist gemeinsam mit den Verantwortlichen in den Ländern Afrikas und im Nahen Osten, größere Anstrengungen für die Entwicklung dieser Länder nötig. Das alles kostet Geld, im Vergleich zu dem, was für die Bankenrettung oder die Rüstungsindustrie ausgegeben wird, wäre es aber nur ein kleiner Betrag, aber wer nicht teilen will, muss weiter zusehen, wie Menschen vor unserer Haustür sterben. Ein solches Verhalten ist zynisch und menschenverachtend.
Widersprechen wir lautstark einer solchen Argumentation und beten wir für die Menschen, die ihr Leben im Mittelmeer verloren haben. Beten wir für die, die in Afrika und im Nahen Osten unter Gewalt und Unrecht leiden. Herzlich danke ich allen, die sich in unserem Bistum auf so vielfältige und großartige Art und Weise für Flüchtlinge einsetzen.”