Der Lamberti – oder Lambertus-Brunnen?

In Münster stellt sich für die meisten nicht die Frage nach dem Namen des beliebten Brunnens auf dem Lamberti-Kirchplatz. Für die einen heißt er Lamberti-Brunnen, für andere wiederum Lambertus-Brunnen. Doch mit diesem Artikel können wir endlich Klarheit zur Namensgebung und vielen weiteren Fragen dieses heimlichen Wahrzeichens im Stadtkern Münsters geben.

Zuvor holen wir ein wenig aus und erklären etwas zur Geschichte und den münsterischen Brauch, der sich bis heute erhalten hat. Ein Brauch der Familien in den letzten Tagen eines jeden Sommers dazu bringt, phantasievolle Laternen aus Feldfrüchten, Holz und Papier für die abendlichen Lambertus-Feiern, die sich vor allem um den 17.September das Patronatsfest der Stadt- und Marktkirche St. Lamberti, konzentrieren. (Vielen auch als Lichterfest bekannt).

Zu Beginn der Dämmerung werden dann in den einzelnen Stadtvierteln auf Schulgeländen, Plätzen und ruhigen Seitenstraßen, mit Blumen und laubverzierte Holzgestelle als Pyramiden zusammengesteckt. Sie bilden das Zentrum eines jeden Lambertus-Spieles. Angelockt und animiert durch die rufenden Kinder, („Kinder, kommt runter, Lambertus ist munter!“), finden sich nach und nach immer mehr Kinder gemeinsam mit Ihren Eltern auf den Straßen ein, sie ziehen mit den beleuchteten Laternen zu einem Platz mit der bereits aufgebauten Pyramide. Dort stecken die Kinder ihre Laternen in die Pyramide und formieren sich zu einem Kreis oder, je nach Anzahl, gleich zu mehreren Kreisen um die Pyramide. Dann stimmen sie die bekannten Ketten- und Wechsellieder an, wie „Hole Wasser, dumme Liese – Der Herr, der schickt den Jäger aus – Guter Freund ich frage dir“ etc.

Das Lambertus-Spiel findet aus alten Überlieferungen seine erste gesicherte Erwähnung in der Zeitung „Münsterisches gemeinnützliches Wochenblatt“ bereits 1791. Die erste ausführliche Beschreibung stammt von Major H.A. Flensburg aus dem Jahr 1820 und war in der Zeitschrift
„EOS – Zeitschrift für Gebildete“, nachzulesen. Zu jener Zeit wurden beleuchtete Lichterkränze quer über die Straße gespannt, unter denen die Jugend mit Kerzen. Fackeln und Öllampions tanzte. Die bekannte Lambertus-Pyramide setzte sich erst seit etwa 1825 nach und nach durch. Um 1870 wurde das Feiern übertrieben und es gab bei dem ausgelassenen Treiben unschöne Ausschreitungen, das ein vorläufiges Ende der Feierlichkeiten bedeutete.

Der Brauch wurde zur Jahrhundertwende wiederbelebt
Doch der Brauch war so sehr in der Bevölkerung verwurzelt und beliebt, das zur Jahrhundertwende wieder gefeiert wurde, zu jener Zeit dann sogar mit dem Abbrennen von Feuerwerkskörpern. Inzwischen war der Brauch ein hohes Allgemeingut und wurde sogar stadtamtlich organisiert.

Der Lambertus-Brunnen
Der städtische Verkehrs und Verschönerungsverein Münster ließ im Jahr 1909 ein Denkmal für diesen münsterischen Brauch, den Lambertus-Brunnen, durch den Münsteraner Bildhauer Heinrich Bäumer sen. (1874-1951) an der angrenzenden Stelle erbauen, wo sich das Volk zum Lambertus-Spiel traf.

Die Reliefs des Brunnen zeigten Szenen von Kindern aus Münster, die das traditionelle Lambertus-Spiel tanzten. Gestaltet wurden diese auch durch den Künstler selbst.
Nach dem großen Luftangriff vom 28.Oktober 1944 war nicht nur der Prinzipalmarkt dem Erdboden gleichgemacht, auch der Lambertus-Brunnen war nur noch ein Relikt der Vergangenheit. Drei, der vier Brunnenplatten hatten den Bombenhagel nahezu unberührt überstanden, doch dazu später mehr.

Architekt Edmund Scharf, in der städtischen Bauverwaltung für Planungsaufgaben der Altstadt, plante direkt nach dem verheerenden Bombenangriff den sofortigen Wiederaufbau der Altstadt, auf historischem Grundriss. Gemeinsam mit Stadtbaurat Heinrich Bartmann fanden sich schnell Unterstützer für den Gedanken. Und so entstand das neue alte geliebte Münster mit dem Geist, der durch die westfälische Landschaft geprägt wurde. Noch dazu sollte Münster keine Kopie einer alten Stadt werden, aber noch erhaltene Baudenkmäler sollten ebenso erhalten bleiben, wie die alten Baumaterialien und Werte einer historischen Stadt. Im Zuge dieser Arbeiten wurde dann auch der Lambertus-Brunnen im Jahr 1956 von Heinrich Bäumer Junior, in neuer Form nach einem Entwurf von Edmund Scharf, wiederaufgebaut.

Der Wiederaufbau des Brunnens wehte der Stadt eine Menge Kritik ins Gesicht.
Stimmen einer Bürgerbefragung wurden laut und auch der Polizeipräsident a.D. Friedrich Fehrmann bekundete 1993 in einem Öffentlichen Schreiben an die Stadt Münster seine tief empfundene Trauer über die schlichte Wiederherstellung des alten Brunnens und dem innigen Wunsch, seine Geburts- und Heimatstadt noch schöner werden zu lassen.

So war es auch kaum verwunderlich, dass sich verschiedene Initiativen mit dem Verkauf von Postkarten beschäftigten, aus deren Erlösen dann der Ur-Zustand wieder finanziert werden sollte. Doch die schlichte Bauform sollte nach Meinung der Verantwortlichen auch ein Zeichen der Entbehrungen jener mageren Zeiten des Wiederaufbaus versinnbildlichen.

Durch die breite Unterstützung der Bürgerinnen und Bürger, bekam Münster ein liebgewonnenes Gesicht mit neuen Strukturen und wurde so zu einem Beweis für die Kraft initiativer Bürger und deren unermüdlichem Engagements.

Und der alte Brunnen, bzw. dessen Trümmern… Der fristet nach vielen Jahren in einer Ecke eines Bauhofes nun sein Gnadenbrot auf der Dachterrasse des Stadtmuseums an der Salzstraße. Leider aus Sicherheitsgründen nicht für die Öffentlichkeit freigegeben.
Aber als kleine Entschädigung hier ein Bild von dem traurigen Rest des „Kriegsopfers“.

Der Brunnen in den 70-gern
In den 70ern etablierte sich unter Münsters Oberschülern und Studenten der Brauch, sich samstags nach der Schule rund um den Lambertus-Brunnen zu treffen. Dutzende Jugendliche standen »am Brunnen«, bei Tchibo in der Salzstraße oder bei Regen unter den ehemaligen Böcker-Bogengängen“ (heute AppelrathCüpper).

Zu der Zeit war es in vielen Orten üblich, sich an öffentlichen Plätzen am späten Nachmittag und abends in den Städten zu treffen. Münstertypisch mit der Besonderheit, dies schon um die Mittagszeit zu zelebrieren. Ausgegangen von den Münsterischen Oberschülern, die samstags bis zur Mittagszeit noch die Schulbank drückten und sich dann mit Freunden auf dem Lamberti-Kirchplatz, eben am besagten Brunnen“, trafen. Der Platz war ideal, zentral erreichbar, in direkter Nachbarschaft zur „Guten Stube“, so wie der Prinzipalmarkt früher noch oft bezeichnet wurde, und den verschiedensten Anbietern von Kaffee, Tee und Gebäck. Die Tchibo-Filiale in der Salzstraße bot den Kaffee mit 25 Pfennig (Ca.11 Cent), konkurrenzlos preiswert an. Je nach Belieben gab es aber viele weitere Angebote.

Die Jugendcliquen zogen nach und nach auch Drogendealer an. In den umliegenden Apotheken stellte man bald eine verstärkte Nachfrage nach Einwegspritzen, vor allem in der Mittagszeit, fest. Die Polizei bezog darauf einen „geheimen“ Beobachtungsposten mit Blick auf den Brunnen am Laberti-Kirchplatz. Aber die immer heruntergelassene Jalousie mit dem Objektiv dahinter, fiel natürlich jedem schnell auf. Auch die sehr dilettantisch als „Gammler“ verkleideten Zivilfahnder, wurden von den Jugendlichen immer mehr zum Gespött am Brunnen“, und der eine oder andere landete auch schon bei einem „natürlich ungewollten“ Gedränge in dem Selbigen….

Die Brunnenszene wurde lange Zeit von kuriosen Figuren und Münsteraner Originalen bevölkert. Darunter bizarre und tragische Originale, wie der gewalttätige „Zigeuner-Michel“ mit seinem Messer, er soll vor Jahren im Kanal aufgefunden worden sein. Dann gab es da noch den pockennarbigen „Kaleu“, der sich jeden morgen bei einem Sanitätshaus an der Ludgeristraße einen Rollstuhl ausgeliehen haben soll, dann darin vor den Böcker Bogengängen Geld schnorrte und abends die „Tageskasse“ im Neuen Krug versoffen hat. Oder aber auch der kleinwüchsiger Gelehrte „Hans Falke“, der die Jugendlichen und Passanten mit akademischen Vorträgen voll quasselte. Dazwischen Punker, Penner, Pennäler und Touristen. Mitte der 1980er wurden die Böcker-Bogengänge umgebaut, es gab eine Zeitlang nichts zum Unterstellen bei Regenwetter, und Regen gab es in Münster auch schon reichlich zu jener Zeit. Allerdings waren die Menschen zu der Zeit noch etwas wetterfester und nicht jeder kleine Regenschauer fegte die Straßen leer.

Zeitgleich wurden auch die Medien auf die samstägliche Ansammlung aufmerksam und berichteteten über das Treiben am Brunnen. Damit wurde das Ende eingeläutet….
Zuviel Öffentlichkeit wollten die „im Regen stehen gelassenen“ nun doch nicht und zerstreuten sich in alle Richtungen …
Auch heute noch sagen Münsteraner gern, „Lass uns am Brunnen treffen“.

2013 entwickelte sich aus einer münsterischen Facebook-Grppe der Gedanke, die alte Sitte wieder zum Leben zu erwecken, doch nach zwei-drei recht erfolglosen Versuchen schief auch dieser Gedanke wieder ein.

Im Sommer 2019 ging dem Brunnen das Wasser aus
Besorgte Bürgerinnen und Bürger, die teilweise im Exil leben, hatten Sorge um den trockenen Brunnen an der Salzstraße in Münster. Ihnen war in den vergangenen Monaten aufgefallen, dass nicht nur in der Natur das Wasser fehlte, sondern auch in dem beliebten Brunnen auf den Lamberti-Kirchplatz. Ein Grund für das Redaktionsteam des Münster-Journals nachzufragen und umfangreiche Recherchen zu betreiben. – So entstand dieser Artikel!

Ein paar Hintergrunddaten
Der Brunnen ist täglich in der Zeit von 07.00 Uhr bis 20.00 Uhr, in den Monaten April – Oktober, in Betrieb. Er besitzt 12 Wasserdüsen. Sechs in den Muschelkelchen am Brunnenstamm und sechs im großen Wasserbecken.

Die Aufwendungen der Stadt Münster zum Unterhalt des beliebten Brunnens, sind gewaltig. So sind im Betriebszeitraum jeweils zum Start der Brunnensaison eine große Wartung mit Abdichtung der Fugen und Grundreinigung der zwölf Wasserdüsen nötig. Anschließend erfolgt eine Grundreinigung aller übrigen Flächen sowie ein Funktionstest und die eigentliche Befüllung des Brunnens mit Wasser. Weiterhin sind zwei Bauhof-Mitarbeiter des Amtes für Grünflächen, Umwelt und Nachhaltigkeit, alle vier Wochen mindestens einen Vormittag lang mit der Reinigung und Algenentfernung, des 5 Kubikmeter fassenden Wasservorratsspeichers unterhalb des Brunnens, beschäftigt.

Je nach Witterung eine unschöne Aufgabe mit Fäulnisgasen, jeder Menge Dreck und leider auch immer mehr Unrat. Auch die Düsenreinigung gehört jeweils dazu. Nach abgeschlossener Arbeit kann der Brunnen täglich wieder zwischen 8.00 und 20.00 Uhr den Menschen Freude bereiten. Wenn es besonders viele Algen sind oder einfach zu viel Unrat und Zigarettenkippen werden, brennt ganz schnell auch mal eine Motorwicklung durch, wie wieder einmal vor einigen Wochen, als der Motor undicht wurde, festlief und durchbrannte.

Bei solchen Problemen gibt es dann Spezialfirmen, die in kurzer Zeit professionell weiterhelfen können, wie das Münsterische Unternehmen Hülsbömer und Weischer, die mit ihrer über 100-jährigen Erfahrung wissen was zu tun ist. Ohne die reibungslose Zusammenarbeit aller beteiligten Fachleute hätte das Stadtfest 2019 ohne den belebenden Brunnen stattfinden müssen. Auch die städtische Tierwelt hat eine wichtige Wasserquelle zurück erhalten. Danke dafür!

Brunnen repariert und gereinigt – Wasser marsch!

Zum Abschluss
Bei den Recherchen zu diesem Artikel ist uns noch eine Kleinigkeit bei der Durchsicht aller Akten beim Amt für Denkmalpflege aufgefallen. So wurde zum Lambertus-Abend auch ein Weihnachtslied in abgewandelter Form gesungen. „Lasst und froh und munter sein, und uns heut von Herzen freuen! Lustig, lustig Tra la la la la! Nun ist Lambertus Abend da – Nun ist Lambertus Abend da!“

Wer mehr über das Lambertus-Spiel erfahren möchte und auch die Liedtexte dazu lesen mag, findet diese Informationen kurz vor Mitte September in unserer Online-Zeitung!


Bilder:

Städtische Denkmalbehörde
Städt. Denkmalbehörde-Foto Hänscheid
LWL
ADL/Münster-Journal