Verfallen die Sitten?

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Angesichts der bevorstehenden Legalisierung von Cannabis fürchten viele Menschen einen drohenden Sittenverfall. Doch ist diese Ansicht gerechtfertigt? Es gibt keine feste Definition von Moral und Ethik, denn diese Begriffe sind einem ständigen Wandel unterworfen. Was im Mittelalter als Sünde galt, war im Zeitalter davor alles andere als verwerflich. Und vieles, was wir heute für einen revolutionären Fortschritt halten, galt vor Tausenden von Jahren als völlig normal. 

Die Sünde im Wandel der Zeit

Cannabis ist ein Wort, das viele Menschen in Angst und Schrecken versetzt. Sie denken an Marihuana, Haschisch und die wilden 68er Jahre mit den bekifften Hippies, die im Drogenrausch vor sich hinvegetierten. Die bevorstehende Legalisierung treibt erneut dieses Gespenst um. Auch die Tatsache, dass sich in Zukunft womöglich immer mehr Menschen Cannabis Samen bestellen und Hanfpflanzen selbst ziehen, beunruhigt. Doch die wilden 68er Jahre sind längst vorbei und das Vorgehen in den Niederlanden zeigt, dass es durchaus funktioniert mit der legalen Herausgabe der Droge. Dort verkaufen sogenannte Coffeeshops geringe Mengen Cannabis an volljährige Personen. Ohnehin begleitet die Hanfpflanze die Menschheit schon sehr lange. Bereits das alte Reitervolk der Skythen berauschte sich vor mehr als 2 500 Jahren mit Marihuana. Das berichtete zumindest der Grieche Herodot im 5. Jahrhundert vor der Zeitrechnung. Aktuelle Ausgrabungen belegen diese Sitte. Die Skythen warfen Hanf auf glühende Steine und ließen ihn verdampfen. Dann nahmen sie ein berauschendes Dampfbad. Das war damals eine allgemein übliche Prozedur. 

Glücksspiel und Tempelprostitution

Dass die Definition von Moral und Ethik nicht in Stein gemeißelt ist, zeigen die Bräuche vergangener Epochen. So folgt zum Beispiel das Glücksspiel einer langen Tradition. So spielten zum Beispiel die Wikinger nicht nur zum Zeitvertreib, sondern auch um Geld und Gegenstände. Ein weiteres Tabu aus heutiger Sicht ist die Tempelprostitution. Es gab Zeiten, in denen waren die Huren heilig. Der griechische Geschichtsschreiber Herodot berichtete zum Beispiel von diversen Orgien im Tempel der Fruchtbarkeitsgöttin Ischtar. Demnach mussten sich alle Frauen Babylons einmal in ihrem Leben in dem Tempel prostituieren. Die Prostitution war auch bei den alten Juden weit verbreitet. Im Alten Testament gibt es eine Vielzahl an Stellen, die von weiblichen und männlichen Sexarbeitern berichten. Diese trugen die Namen „Weihebuhlen“ sowie „Lustknaben“ als beschönigende Umschreibung. Das 5. Buch Mose verbietet Strichjungen, ihr mit Liebesdiensten verdientes Geld dem Hause Jahwe zu spenden. Immerhin zeugt das davon, dass ein Gelderwerb dieser Art schon früh als anrüchig galt. Im Vergleich zu den Geschehnissen in jüngerer Zeit wirkt die Tempelprostitution harmlos. Ein heikles Thema ist aktuell der Kindesmissbrauch katholischer Priester. Von Priestern missbrauchte Jungen und Mädchen gibt es nicht nur in den USA, Irland, Frankreich und vielen anderen Staaten, sondern auch in Münster. Es ist ein Leichtes, mit dem Finger auf jene zu deuten, die Marihuana konsumieren und Glücksspiele betreiben, oder verächtlich auf vergangene Kulturen zu blicken, wenn im Verborgenen noch schlimmere Dinge geschehen.

Fazit:

Was verwerflich ist und was nicht, ist in erster Linie Auffassungssache und auch vom sich ständig ändernden Zeitgeist geprägt. Das Verhalten anderer zu tolerieren und großzügig über bestimmte Dinge hinwegzusehen, zeugt von charakterlicher Stärke und ist Kennzeichen einer offenen Gesellschaft. Bei der zwanghaften Verletzung von Persönlichkeitsrechten ist jedoch die rote Linie überschritten und die Toleranz hat ein Ende.